Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Februar 1929 (Dahlem)


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10.II.29.
Mein innig Geliebtes!
Dein lieber Brief kam eben, als der meinige fortgegangen war. Ich habe gestern u. heut 43 Postsachen expediert. Sehr viel liegt noch da, und darunter eine fürchterliche Sache, die mich unsagbar quält. Es ist 1 Brief von 46 Seiten von der Frau von Korinth, voll von Vertrauen, Neigung, herzzerreißenden Hilferufen und scharfer Kritik an mir. Sie ist unterwegs nach Berlin und erwartet zum 17.II in Münster bei ihrer Schwester meine Antwort, wann wir uns in Berlin "aussprechen" können.
Das ist nun das Resultat der 2 Seiten, die ich aus Empörung über ein Abendgespräch schnell hingeworfen habe. Ich muß auf manche Frauen eine ebenso unheimliche wie völlig ungewollte Wirkung ausüben. Denn der
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| reale Ausgangspunkt war doch nur Protest gegen das Erlebte u. Gehörte.
Lange bin ich nicht so ratlos gewesen. Mein Hauptgefühl aber ist: Heidi von Winterfeld in erhöhter (und edlerer) Potenz. Ich kann diese Begegnung unter gar keine Umständen haben. Denn sie führt zum Unheil oder zu schweren Konflikten. Frau Prof. D. bedeutet für mich - es muß es so kraß sagen - schon deshalb nichts, weil ich sie garnicht kenne. Hilf mir mit einem guten Wort. Wie stilisiert man nur eine solche Absage, ohne auch 46 Seiten zu schreiben? Ich habe nicht die mindeste Sehnsucht nach einem Roman. Ich habe nicht einmal die 2 Stunden, um den Brief schonend genug zu stilisieren. Prof. D. ist mir eine bekannte Größe - sie - nun die Briefe sagen mir, daß
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| ich da nicht hingehöre.
Ich habe kein Briefpapier mehr. Daher diese Zettel. Es ist auch schon sehr spät. Daher diese Handschrift. Wir haben heut in der Mittagsstunde 19°C. im Schatten gehabt. Es war einfach nicht zum Atmen. Ich war bei Exc. Behncke, der ja gewiß nicht der Richtige für die Nachfolge Lindemann ist. Daß ich auch diese wesensfremden Schritte tun muß.
Einen bedeutsamen Brief von Fischer lege ich Dir bei. Ich habe für mich natürlich abgelehnt, obwohl ich glaube, daß einmal eine politische Situation kommen kann, in der ich mich von Berlin fortwünsche. Lieber Katholizismus als Kulturpolitik des Sozialismus. Aber noch stehe ich im Zenith. Sollte ich vorbeugend gehen?
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Binders Frau ist geisteskrank. Wohin man blickt, dasselbe Elend. Auch Frau D. halte ich nicht für ganz normal. Ich habe nicht die mindeste Lust, die Mütterlichkeit von Neubabelsberg so ungefärbt noch einmal zu erleben. Ich muß, und wäre es grausam, a limine abschneiden. Aber der hilferufende Ton macht es sehr schwer.
Wenn nur die Kälte aufhörte! Hast Du es auch warm genug? Nur keine Sparsamkeit jetzt. Ich schicke Dir noch eine unerfreuliche Drucksache mit. 24 %
Sage mir bitte dies: weshalb macht einem das weibliche Geschlecht das Leben so furchtbar schwer? War das immer so? Ich will doch von keiner etwas! Sie reißen mich doch alle geradezu hyänenhaft in ihre Späre hinein. Niemand ist weniger - auch nur seelisch - Don Juan - als ich. Ich breche ab.
Innigst Dein Eduard.