Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1929 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

23.II.29.
Mein innig Geliebtes!
Mit welchen Gefühlen und Wünschen ich zum 25.II. zu Dir komme, weißt Du, besser, als meine schwachen Worte aus gehetzten Tagen heraus es Dir sagen können. Die Feier Deines Geburtstages wollen wir im April unter ruhigerem Zeichen nachholen. Nicht einmal geschenkt bekommst Du etwas, außer der verabredeten realistischen Sendung. Nimm an, daß ich an diesem Tage im Geiste mitfeiere; ich habe, um doch etwas Kolorit in die Arbeit zu bringen, zum Montag den Studenten für Mittag eingeladen, der im Kantseminar die erste Leuchte war.
Sonst kann ich Dir heut nur einen trockenen Bericht geben. An Onkel Hermann habe ich gedacht und geschrieben. Meinen sehr schwierigen u. fatalen Brief an die Fr. v. K. lege ich in Abschrift bei und erbitte ihn zurück. Heute habe ich nun endlich dem Rechtsanwalt
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| Auftrag erteilt, Beleidungsklage gegen die Sch. L. zu erheben. Die Sache kommt sonst nicht zum Austrag. Natürlich ärgern mich die Kosten. Überhaupt kann ich auf dem Fuße nicht weiterleben. Die Heizung kostet täglich 6 M, für den ganzen Winter 250 Ctr = 800 M!! Frau Ulisch bat mich in seltsamer Weise, einer Freundin mit 200 M zu helfen, die sie darum gebeten hatte. (Die betr. war auch einmal meine Schülerin.) Nach dem ganzen Befund blieb nichts, als Ja zu sagen. Für 150 M Wäsche mußte gekauft werden. So geht es munter weiter. Die Vermögenssteuer wurde sehr niedrig angesetzt, ist aber vermutlich falsch.
Am Montag war ich (todmüde) auf einem Parlamentarischen Bierabend, den Hugenberg gab. Es war aber ziemlich langweilig. Frl. Oda Roethe saß an m. Tisch. Interessanter verlief gestern ein Abend für den Tiroler Dichter Oberkofler. Zufällig war der Reichskanzler Marx da. Ich kam beim "geselligen Beisammensein" zwischen ihn u. s. Frau zu sitzen.
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| Er machte mir menschlich einen unerwartet sympathischen Eindruck; sprach sehr warm, interessant und voll Bewunderung von Hindenburg, auch von Loebe. Aber ein Genie ...
Die Nachfolge Lindemann ist ungeregelt. Exc. Behncke, früher Chef der Marineleitung, will nicht recht heran, ist überhaupt ein müder Mann und kann uns nicht retten. Das gibt noch Sorgen und Zeitverlust.
Donnerstag hat Brosius sein Examen gemacht. Ich konnte ihn gerade noch an einem Bein rausziehen, da er bei Meinecke versagte. Gleichzeitig machte Prinz Louis Ferdinand den Doktor (cum laude u. laudabile). Dessoir prüfte ihn in Philosophie. Ich konnte ihn nur vorher ein bißchen bevatern.
Der Kollege Tumlirz aus Graz war 3 Wochen hier. Ein gemischtes Vergnügen, bitt’ schön. Ich gehöre nicht zu denen, die "Anschluß" suchen. Zu Mittag hatte ich mit ihm auch den wesentlich angenehmeren Kollegen Binder aus Göttingen, der aber durch Geisteskrankheit seiner Frau sehr erschüttert war.
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Dr. Meyer war zum Kaffee, Flitner zu Mittag hier. Besonders letzterer immer angenehm. Die "Erziehung" wächst langsam, aber sie wächst. Heut Nachmittag bin ich - solo - bei Seitzens, worauf ich mich freue.
Es geht zum Tauwetter, Gott sei Dank. Gefroren habe ich aber nur einmal unterwegs. Sonst hatte ich immer so große Eile, daß ich nichts spürte.
Als ich am Donnerstag nach 12 anstrengenden Stunden aus der Stadt zurückkam, fand ich den Brief eines Studenten der Theologie, mit dem ich gut stehe, der gleich damit anfinge, es sei ein Gerücht verbreitet, ich würde demnächst zum Katholizismus konvertieren. Die Belege aus m. Kolleg waren dumm, unkritisch, sämtlich unhaltbar. Aber man sieht doch, wie unsre Geister im Auditorium auf den Willen zur Objektivität reagieren. Die Schriftstücke werden hier noch gebraucht. Du wirst sie später erhalten. Das Ganze ein Ärgernis, wie sie jetzt oft kommen, weil jeder nur s. Standpunkt sieht. Der Hauptgrund
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| der törichten Rede ist offenbar meine Zerstörung der Legende, daß die Reformation die Volksschule geschaffen habe.
Rein ist auch gestorben. Die Pädagogik steht im Generationenwechsel. Nächst Kerschensteiner bin ich - der älteste.
Lore schreibt aus Paris. Da sie zu lange Ferien gemacht hat, kann man sie in Naumburg nicht mehr brauchen. Sie geht nun, mit neuen Hoffnungen, nach Leipzig. Es ist mir ein ernstlicher Gewissensdruck, daß die Riehlstiftung verhindert wird für eine so prekäre Sache wie die Ordnung von Lores Finanzen.
Ich muß heut u. morgen noch meine Einkommensteuererklärung machen. Für Privatsachen bleibt ja nie Zeit.
Noch ein Nachtrag: D. Thümmel ist von den Ärzten beruhigt worden. Sie erhält aber Tuberkulinspritzen, die bei der geringsten Dosis schon regelmäßig Reaktion erzeugen.
Verzeih, wenn ich so ungeordnet schreibe und so kurz abbreche. Aber um 3 ist Sitzung in der Stadt.
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Grüße den Vorstand, dem es hoffentlich mit dem Frühling wieder besser geht, und alle Geburtstagsgäste. Dich selbst aber grüßt in ewiger Liebe und Treue
Dein
Eduard.

[] Herr Krahl war heute hier, von mir gerufen. Er meint nicht, daß ich durch die Ritzen der Dielen fallen werde.