Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. März 1929 (Münster/Westf., Hotel Kypper, Postkarte)


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Münster/Westf. Hotel Kypper-Ferr[über der Zeile] chtrup, 16.III.29.
M. L. Das Industriegebiet liegt nun Gottlob hinter mir, und ich habe 1 ½ Tage sozusagen Ruhe. Die Sache in Buir hat mich nämlich sehr mitgenommen: 2 Abende hintereinander in einem Kinotheater vor 1200-1400 Personen je 1 ½ Stunden ohne Pause reden - nur von einem Notenpult gedeckt, sonst freistehend, das ist schon physisch eine schwere Anstrengung. Hinterher dann bis ½ 1 Geselligkeit. Aber auch moralisch ist so etwas schwer u. unbefriedigend: wer sind diese 1200? Was brauchen sie? Was können sie noch verstehen? Ich habe, außer ein bißchen Herzdruck, einen Nachgeschmack von Unbefriedigung, besonders über den 2. Abend. Die Leute sind da so, daß weder für noch gegen den Vortrag irgend ein Mensch ein Wort sagt. Gut "bezahlt" wird aber. Gestern fuhr ich im Auto der Stadt durch die "Gegend" u. besichtigte 2 Volksschulen. Es ist alles nicht so schlimm, wie es gemacht wird. Die Zustände sind ganz ordentlich u. erträglich, nur nicht poetisch. Deine lieben Zeilen
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| habe ich dankbar erhalten. Deine Mitteilungen über Schweitzer waren mir aus bestimmtem Grunde besonders interessant. Ebenso die packende Schilderung vom Eisgang. - Zu H. Scholz u. den anderen gehe ich erst morgen. Ich habe manches zu erledigen u. bin sehr ausgepumpt. Aber die Sonne scheint über dieser Kirchenstadt.
Viel herzliche Grüße
Dein
Eduard.