Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. März 1929 (Leer/Ostfr., Postkarte)


[1]
|
Leer/Ostfr. den 21. März 1929.   M. L! Es war eine Arbeit für 2 Große, aber eigentlich wunderschön. Die Lehrer des Regierungsbezirkes Ostfr. kennen fast alle meine Hauptwerke. Der Wunsch mich zu hören, soll so elementar gewesen sein, daß man mit Streik drohte, als die Regierung nur 1 Tag schulfrei geben wollte. Die Leute kamen z. T. 30 km mit dem Rad. Ort der Hauptvorträge ein schauerlicher Schützenhaussaal. Der Vicepräsident der Regierung kam alle 3 Tage u. stenographierte mit. Der Regierungs- u. Schulrat (ein Klostermann) war auch regelmäßig da. Es ging mit den Vorträgen jeden Tag von ¼ 10 bis ¼ 12 mit 20 Min. Pause; dann folgte jeden Tag von 3-7 eine Arbeitsgemeinschaft mit 40 Herren (Schulräten, Rektoren, Lehrern) Mittags immer mit dem Lehrer Stellmann, der das Ganze inszeniert hat, gestern Abend noch ein geselliges Beisammensein. Eine durchweg erfreuliche Gesellschaft: geistig regsam, hungrig nach Gedanken, bodenständig, voll schlichter Dankbarkeit; es war wirklich herzbewegend u. wird so schwerlich wieder erlebt werden. Man sagt: Herbart sei vergessen - alles lebe im Bezirk von m. Gedanken. Leer (16000 Einwohner) als Stadt reizlos. Die ganze Umgegend steht beängstigend unter Wasser. Nachts kalt, vorm. Nebel. Heut der erste milde Tag. Hauptsehenswürdigkeit: der Viehmarkt, der größte in Dtschld.
[2]
|
In Münster war es anstrengend u. schön. Viel alte Kirchen u. Bauten. Schönstes Wetter. Ich habe viel gearbeitet. Mit Heinrich Scholz war ich ein paar Stunden zusammen. Sehr merkwürdig. Lieber Kerl - aber sehr merkwürdig. Morgen bleibe ich noch hier, um die Rede für Oldenburg auszuarbeiten. Sonnabend Oldenburg. Sonntag Berlin. Ich bin todmüde, aber tief dankbar für dies Stück Volkstum. - Deine liebe Karte vom Dilsberg mit Freude erhalten. Sonstige Post von Tagen unerledigt. Das wird schöne Arbeit machen. Ich grüße Dich herzlich. So ca in 14 Tagen! Dein Eduard.