Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. April 1929 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

30.IV.29.
Mein innig Geliebtes!
Wenn wir heut noch zusammen wären, so müßte ich Dir auch schreiben: denn ich kann keinen Laut hervorbringen vor Heiserkeit. Schon am Sonntag Abend stellte sich ein Luftröhrenkatarrh ein, der anfangs recht schmerzhaft war. Heut ist nur noch ein völliges Versagen der Stimme, u. es ist fraglich, ob ich übermorgen lesen kann. Vermutlich bin ich auf der Fahrt unvorsichtig gewesen: in Weimar mußten Wagen wegen Achsenbruchs ausrangiert werden; da habe ich ohne Mantel zugesehen. Hinzukam der unglaubliche Dreck in dem württembergischen Wagen. Nachher fuhr er wie der Teufel, so daß man Angst haben konnte.
Die Masse der Eingänge habe ich, obwohl sie unerhört war, dadurch bewältigt, daß ich am Sonntag 32 Sachen hinausgehen ließ u. heut den ganzen Tag zu Hause blieb, auch um
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| aufzuarbeiten. Gestern konnte ich noch 4 Stunden Sprechstunde halten. Heute wäre das unmöglich gewesen.
Es freut mich, daß Du das Elend nur Dir gegenüber gehabt hast. Über die Reichenau geht doch nichts. Man muß sie lieben. Ich werde Frommherzens morgen (wenn es trotz der angekündigten Schießerei zum 1. Mai möglich ist) ein Schreibzeug u. die Jugendpsychologie senden. Über das Glas von der Reichenau freue ich mich sehr. Es ist wirklich eine angenehme Form, abgesehen vom Erinnerungswert. Für die schönen Wörte dazu danke ich herzlich.
Susanne ist mit 150 M Schaden aus der voreiligen Sache herausgekommen. Strasen lebt für den Garten, hat aber ein Rattenloch entdeckt. Die Vegetation war seit m. Abreise nicht einen Schritt vorwärtsgekommen. Seit gestern, infolge kurzer Wärme, hat aber alles Knospen; es scheint nicht einmal die Riehlsche Tanne ganz erfroren zu sein. Im Seminar ist mir ein
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| schönes, helles Direktorzimmer eingerichtet. Ein Ruhebett soll auch kommen. Der Hörsaal ist ästhetisch veredelt. Wolff hat dafür eine glückliche Hand.
Ich erwarte den Besuch von Adelheid, Baron v. Engelhardt und Kerschensteiner für die nächsten Tage. Im übrigen freue ich mich auf die Ruhe der Pfingstferien. Bei der Goethegesellschaft wird es diesmal Krach geben. Ab Montag 20. Mai beginnt dann die Knochenmühle. Bis dahin geht es noch gnädig.
Die Pestalozziworte schreibe ich Dir ab. Das Gedicht auf Gottlieben ist schön. Ich will, zur Schonung meiner Stimme, jetzt schlafen gehen. Habe Dank für die schönen gemeinsamen Tage u. sei innig gegrüßt von Deinem
Eduard.

[] Estland habe ich wegen der rücksichtslosen Terminabstimmung versucht, abzusagen.