Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Mai 1929 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

11.5.29.
Mein innig Geliebtes!
Es betrübt mich zu lesen, daß Du auch von einer Erkältung belästigt wirst. Hoffentlich handelt es sich nur um eine Andeutung, die bei dem milden Wetter bald verschwindet. Auch ich habe mir etwas Gründliches von der Reichenau oder der Bahn mitgebracht. Nach der Heiserkeit kam ein Schnupfen (der 3. in diesem Jahr) oder vielmehr schon eine Naseneiterung, die sehr störend war. Vielleicht habe ich Frau Rohde angesteckt: sie mußte 1 ½ Tage liegen. Auch sonst war der Semesteranfang mindestens merkwürdig. In der Hauptvorlesung füllte es sich erst am 5. Mai (auf ca 450.) Die 2. Sprechstunde war schon nach ½ Stunde aus. Im Seminar sind kaum 50. Und ganz traurig, ja entmutigend ist der Besuch der Vorles. über die deutschen Universitäten: ich schätze 100. Gewiß, die Zeit ist ungünstig. Aber trotzdem müßten für ein solches Kulturthema in Berlin mehr Interessenten da sein. Das wird nun eine 12 Wochen anhaltende mühsame Arbeit ohne entsprechenden Erfolg.
Ich habe für Frommherzens ein Marmortintenfaß für ca 11 M gekauft. Der Antwortbrief liegt bei. Schade, daß die Photographien nicht geglückt sind. Auf die von Bodman
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| hatte ich mich besonders gefreut. Und was habe ich dafür aushalten müssen!! - Himmelfahrt war Kerschensteiner zu Mittag (bis 6) bei mir. Er war garnicht auf dem Posten (Magen) und machte den Eindruck eines alten Mannes. Umso mehr freute ich mich, ein paar ruhige Stunden mit ihm zu haben. 2 Tage vorher war Baron v. Engelhardt da - eine gestürzte Größe. Die estländische Verpflichtung bin ich los. Es ging so leicht, daß man fast Absicht vermuten kann. - Vorgestern war eine schleunig einberufene Vorstandssitzung des Berl. Freundeskreises d. D. Ak. Ich erzielte einen ultimativen Beschluß nach München. Mein Rücktritt für den 1. Oktober ist angekündigt.
Eine ganz fremde, aber vertrauenerweckende Person kam in großer (nicht bloß finanzieller) Not zu mir. Ich konnte mit 200 M helfen. Am 10.V. war 1. Termin in Cöln. Die Beklagte hat - obwohl der Richter eine Freiheitsstrafe für möglich erklärte, - eine gütliche Einigung abgelehnt. Mein Rechtsanwalt ersucht in einer wenig erfreulichen Form um Vorschuß von weiteren 200 M. Strasen braucht jeden Augenblick etwas für den Garten. Steuern sind alle 14 Tage fällig. Der Schneider und alles mögliche sonst kommt hinzu.
Adelheid war am Sonnabend vor 8 Tagen zum Abendbrot bei mir. Durch sie erfuhr ich, daß Lore in Paris versucht hat sich
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| an beiden Händen die Pulsadern aufzuschneiden. Die Wunden konnten genäht werden. Es ist aber eine längere psychiatrische Behandlung in - Zürich notwendig.
Mehre Habilitationskinder machen mir Sorgen. Mit Delekat hatte ich eine offene Aussprache. Im Seminar ist - zum Befremden - die M. Mauck, mit der ich im Herbst verheiratet werden sollte. Frl. Knaack, auch wieder da, stellt eine Aussprache in Sicht. Die Gemia studiert an der Kunstakademie in Cassel u. schreibt Briefe voll Frühlingssehnsucht.
Gestern erfüllte ich den Wunsch der Frau v. Staehr, sie zu besuchen, um ihren 14jährigen Sohn kennen zu lernen. Der Junge hat mir recht gut gefallen. Ich überlege, ob ich ihn näher zu mir heranziehen soll. Seit 25 Jahren (wenn ich von dem † Rijs absehe, dessen Mutter inzwischen auch †) habe ich einen solchen Versuch nicht mehr gemacht. Und es war doch "der Ausgangspunkt". Aber alles im Leben hat sich in Verzicht, Enttäuschung und Argwohn aufgelöst, so daß ich eigentlich keinen Mut mehr habe.
Dienstag ist der weibliche Diskussionsabend. Mittwoch Abendessen bei Schumachers, wozu der Kronprinz u. die Kronprinzessin erscheinen werden. Hast Du von dem dementierten Gerücht über die Verlobung von Louis Ferdinand mit einer Filmdiva gelesen? - Am 3. Feiertag will ich einen Tagesausflug
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| mit Sus. machen. Ziel noch unbestimmt. Donnerstag bis Sonntag nach Pfingsten Weimar, Hotel Elefant. Es wird dort kriseln.
Den Zustand, daß einem eine Orgelfuge zu lang wird, kenne ich auch. Aber man muß sich wohl auf Bach etwas "präparieren". Schreibe mir bitte, ob bei Lili alles glatt verläuft. Die Bauchoperation von Wertheimer (jetzt Frkft./M.) verlief nicht ohne ungünstige Folgen. Bei mir ist jetzt - unberufen - der Darm recht gut in Ordnung.
Es ist heut ein schöner Sonntag. Im Garten ist nichts von Belang erfroren. - Die Obstbäume blühen endlich. Ich will, obwohl sehr stramm zu tun ist, ein paar Stunden heut Nachm. mit Susanne hinaus.
Die Fürstin Bismarck will für Kaßner den Nobelpreis haben u. quält mich aufs neue. Sie ladet mich auch nach Schönhausen ein, aber natürlich nur als seinen Bewunderer. - Seitzens sind auch wieder da. H. Maier kam auf die Promotion s. Tochter, die natürlich seine Schülerin sei, zurück. Sie traut sich aber nicht einmal in m. Sprechstunde. - Korrekturen sind noch nicht da. Die ganze Sache wird noch sehr umgearbeitet. Erst die 2. Korrektur kommt in Frage. Von der Akademieabhdlg sind weitere 300 gedruckt.
Was macht Clärchen Fürst? und - das I?
Aber nun genug von diesem Ragout.¹) [Fuß] ¹) Es ist doch ungeheuer, was in den 14 Tagen wieder drin war? Ich denke mit Sehnsucht an unsere guten Tage zurück. Viel herzliche Grüße und vor allem noch einmal gute Wünsche für Dein Befinden. Dein Eduard.