Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Mai 1929 (Weimar/Hotel Elefant)


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Weimar, Hotel Elefant
den 24. Mai 29.
Mein innig Geliebtes!
Gestern wurde ich noch spät abends durch Deinen lieben Brief erfreut. Wir hatten von der Ankunft (um 3) bis um 9 gesessen; ich war dann, von der Tonart der letzten Diskussionen angewidert, auf ½ Stunde in Stadt u. Park entflohen und hatte ganz allein im Schwarzen Adler gegessen. Ich war sehr müde, wie ich es jetzt oft bin, aber mehr "moralisch müde", und so war mir ein Wort von Dir ein großer Trost. Ich danke Dir dafür wie für den lieben Pfingstbrief? Wo hast Du denn den schönen Schleiermacher her? Ich freue mich darüber sehr. Ein Theologe von Kultur - es bleibt eine Seltenheit.
Ich kann Dir heut nur ganz kurz schreiben, weil ich nachher wieder sitzen muß. Zunächst bitte ich Dich, auf Grund des beiliegenden Briefes von Oe. einmal zu erwägen, ob Du an Georg Weise schreiben könntest. Ich kenne tatsächlich außer Kroh niemanden in Tübingen. Oe. vermutet bei mir einen Einfluß, den ich nicht habe, übrigens auch nicht suche. Den Brief erbitte ich bald zurück.
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| Die vorige Woche war maßlos anstrengend. Es sogen einmal wieder zu viele, besonders feminina generis, an meiner Sphäre. Außerdem allerhand Durchreisende. Diskussionsabend verlief ohne tiefen Ertrag. Frauen behandeln dies Thema entweder ganz vom persönlichen Erleben her oder ganz progammatisch. Über das "Eigentliche" redet - Gott sei Dank - keiner öffentlich. Der Kronprinzenabend war nur ein Kronprinzessinenabend. Sie hatte mir die Berichte über den Fall Hubertus noch am Tage zuvor schicken lassen. Zu einem Sichsprechen kam es nicht. Doch ließ sie mich bei Begrüßung und Abschied ein besonderes Wohlwollen spüren. Bei Tisch hatte ich ausgerechnet 2 Damen zu führen: die Hofdame v. Tschierschky und Frau Prof. Bier. Der Zweifrontenkampf war etwas anstrengend. Nachher aber hatte ich mit Frau Bier ein so angenehmes Gespräch wie lange nicht in einer Gesellschaft. Wir paßten ein wenig zusammen. Donnerstag war Rekord: 16 Stunden. Über Mittag bewirtete ich Beermann - Reval bei Habel. Freitag war Freyer freundschaftlich bei mir. Nachm. Martha Holl. Davon blieb ein Lichtstreifen: sie hat ein entzückendes Jungsein. Sonnabend kam Joachim Wach, Nachm. war ich bei Burdach. (Bibliothek 20000 Bände. 3 Arbeitszimmer.) Sonntag u. Montag habe ich 230 Seiten Heidegger geschafft. Eigenartig,
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| höchst eigenartig, aber nur Symptom, nicht produktiv. Dienstag via Sternebeck - Baasee nach Freienwalde, mit Verlaufen 3 ½ Std. Am Brunnen diniert. Schon um 6 ging der Zug. Wir aßen in Bernau Abendbrot. Das Wetter war herrlich. Die Regie des Ausflugs nur halb gelungen. Mittwoch hat der Dienst wieder von 8 - nachts 11 gedauert, einen Mittagsbesuch des stud Copei eingerechnet. Ich habe sozusagen alles erledigt, was für Pfingsten vorlag, bin nun aber selbst erledigt.
Hier wird mal wieder Kühnemann statt Burdach reden. Sonntag habe ich eine Verabredung mit einem ratbedürftigen Studenten in Erfurt. Abends ½ 11 hoffe ich zu Hause zu sein. Nächsten Morgen muß ich schon lesen.
Verzeih wenn ich abbreche, aber es ist höchste Zeit.
Herzlichsten Dank für alles. Dein
Eduard.

Sofern in Tübingen keine direkte Abneigung gegen Oe. besteht, wird man so denken: Für Psychol. haben wir ja einen (wenn auch als billigen Extraordinarius.) Suchen wir also das Ordinariat für Philosophie zu verwerten. Ich ließe Georg Weise fragen, ob man bei dieser Gelegenheit Oe. nicht zum "persönlichen Ordinariat" vorschlagen könnte. (term. techn.)