Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Juni 1929 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

16.6.29.
Mein innig Geliebtes!
Die Tage fließen schnell, wenn sie bis an den Rand mit Pflichten ausgefüllt sind. Dir wird die Pause in meinen Nachrichten sehr lange vorkommen. Mir aber bleibt ja kaum die Möglichkeit zur Besinnung. So wird es bis zum 3. August - nur gesteigert - weitergehen. Es hat nicht viel Sinn, all die kleinen Vorgänge, die inzwischen waren, zu berichten. Einiges entnimmst Du aus den Briefen, die ich beilege. Ich will nur erwähnen, daß ich mit Anderl Witting bei strömendem Regen heut vor 14 Tagen in Potsdam war, daß ich 4 Stunden extra über Kulturphilosophie reden mußte, daß die Schulte-Liese zu 100 M Geldstrafe verurteilt worden ist (fraglich, ob damit die Sache zu Ende), daß ich möglicherweise (?) mit 200 M einer Hochstaplerin zum Opfer gefallen bin, und daß ich bei Frau Gomies einen eiligen Besuch gemacht habe, der mir Bernhards Bild in sehr unerfreulichen Formen zeigte. Heut Nachm. kommt Dora Thümmel, deren Leiden immer schneller sich folgen u. bedenklicher werden. Heut vor 8 Tagen war Tee beim Rektor.
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Die Hauptsache ist mir heut, Dir sehr ernste Perspektiven mitzuteilen, die mich immer lebhafter beschäftigen. Eine immer wiederholte Nachricht besagt: Sobald das Konkordat in Preußen abgeschlossen ist, soll Becker durch den sozialistischen Oberregierungsrat, früher Lehrer, König ersetzt werden. Man fürchtet, daß dann von den Sozialdemokraten ganze Arbeit gemacht wird. So stehen die Philologen schon mit unserer Fakultät in Verbindung, um zu verhüten, daß künftig alle Lehrer durch die Päd. Akademie hindurchgenötigt werden und das Universitätsstudium nur ein sog. Zusatzstudium zur Volksschullehrerausbildung wird. Ebenso deutlich aber hört man, daß dann ein Sozialist ordtl. Professor für Pädagogik in Berlin werden solle, wie Löwenstein und Karsen es wünschen. Daß früher oder später einmal ein Sozialist Honorarprofessor oder Extraordinarius wird, ist schwerlich zu vermeiden. Setzt man mir aber einen Parteimann zur Seite, so wird dadurch die Universität in ihrer Wesenstruktur bedroht, und ich glaube nicht, daß ich unter diesen Umständen bliebe. Ein bestimmter Vorstoß hat diese Perspektive mir so nahe gebracht, daß ich mich doch gleich an Richter gewandt habe. Am Freitag werde ich
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| das mit ihm besprechen.
Unter diesen Umständen (die sich natürlich auf jeden Augenblick wieder verschieben können, denn ein sozialdemokratischer Minister allein bedeutet noch nicht ein sog. Ordinariat für Pädagogik) gehe ich in meinem Hause doch mit dem Gefühl herum, daß es mir ebenso heilsam oder besser wäre, wenn ich es nicht hätte. Denn bis mich eine außerpreußische Universität beruft, kann immerhin einige Zeit vergehen. Und vom Akademiegehalt (900 M) kann ich nicht leben. Augenblicklich stehe ich ja noch im Zenith und ohne einen öffentlichen Skandal ginge das Ganze nicht ab. Aber es sind doch schon Anzeichen da, daß meine Hausse einmal vorübergeht, und über einer "politischen Professur" wird natürlich dieses Schwert für alle Zukunft schweben. Das sind also die Gedanken, die mich jetzt beschäftigen. Sie machen mich nicht gerade sehr froh, wie ja die Gesamtsituation in Deutschland immer trüber wird.
Die Sache mit der Deutschen Akademie ist in einem ganz toten Stadium. Hingegen kommt die "Deutsche Gesellschaft f. Schul- u. Erziehungsgeschichte" jetzt in Gang, nachdem Benno Böhm hier endlich eingetroffen ist. Am Dienstag erwarte ich Herrn u. Frau Lüders mit Frau Schrader (Dutzi) zum Tee. Am
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| Sonnabend spreche ich in der alten Aula (wo wir am Mittwoch für König Fuad "Masse machten", aber im Talar) für eine Invasion amerikanischer Pädagogen; zum Essen mit Ihnen u. zum Empfang beim Minister gehe ich nicht, weil Otto aus Prag mit 14 Studenten seines Seminars kommt. Ich will mit diesen u. eben so vielen aus m. Seminar nachm. nach Potsdam fahren. Leider fehlt noch seine Antwort.
Ich arbeite wie ein Pferd. Aber ganz durchzukommen ist nie. Die Hauptvorlesung hat einen regelmäßigen Stamm von über 400. Die Universitätsvorlesung bleibt bei 100, die aber (da es wirklich viel bietet) recht interessiert sind. Das Seminar ist nicht allzu viel wert.
Es ist leider wahr, daß die typische neueste Jugend sich nicht begeistern kann. (Cf. Cläre Fürst u. Elisabet Benson, eine 13jährige Amerikanerin (!) über die von 17-20 in Amerika.) Aber in meinem Kreise zeigen sich auch wieder ein paar erfreuliche Gestalten.
Eberhard König habe ich mit 100 M ausgeholfen. Bernhard fällt ja nun fort. Ich sah Klara Runge. Die Kiehm ist in Berlin (Frauenkongreß). Überhaupt die Durchreisenden enden nicht. Darunter ein sehr intelligenter Lette. Auch in Amerika hat sich ein Liebhaber m. Lebensformen gefunden, der (obwohl Professor) 1930 hier studieren will. Ich muß an die Arbeit.
<li. Rand>
Daher Schluß mit vielen innigen Grüßen Dein Eduard.

[re. Rand] Lore ist auch hier. Sie war vor 14 Tagen den Abend bei mir, ganz vernünftig.