Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Juni 1929 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

28.6.29
Mein innig Geliebtes!
Morgen muß ich um ½ 7 aufstehen, da mein Zug nach Leipzig (zur Goethegesellschaft mit Besuch bei Volkelt, Frau Rohn und Litts) um 8 Uhr geht. Erwarte daher heut Abend (es ist 11 Uhr durch) keinen ordentlichen Brief von mir, sondern nur einen Dank und Gruß für Deine beiden (bzw. 3) lieben Briefe, für die lieben, schönen Bilder in der prächtigen Mappe und für Stine. Ich bin sehr erschöpft. Denn da am Montag u. Dienstag je von 4-8 Staatsexamen war, so habe ich der Woche einen vollen Arbeitstag mehr abgewinnen müssen, natürlich durch Verkürzung der Nacht.
Sonnabend war Begrüßung der amerikanischen teachers, zwecklose Bemühung, dann von 2 - ca 11 Ausflug zu 34 Personen (Prager u. mein Seminar) nach Potsdam, mit ca 4 Stunden Marsch. Wohlgelungen. Sonntag viel Nachtarbeit und langer Tee bei Friedländers, wo ich Frau v. Bülow (Witwe
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| v. Hans v. Bülow, nach 25 Jahren wiedersah. Mittwoch Aussprache mit Frl. Mauk (Du erinnerst Dich der Briefe nach Mittenwald), auch nicht erholsam. Am 27. ging ich früh um 9 fort, kam um ½ 11 zum Abendbrot heim. Mittags war ich bei Frl. Wingeleit, die grüßen läßt.
Heut waren zu Besuch da: Adalbert, Ludwig, Lore, Susanne, Frl. Mai, Wallner mit Frau u. Sohn, Frl. Silber - sehr heterogen. Eben habe ich Lore in ihr abgelegenes Grunewaldquartier kutschiert. Der Tisch ist voll von herrlichen Rosen, ca 50 Briefe, schöne Geschenke. Deine treffen mein Herz am nächsten. D. Th. brachte gestern eine wunderschöne Tischlampe.
Aber meine Gedanken sind nicht bei alledem. Du hast von dem unerhörten Skandal gelesen, daß die Regierung die Protestkundgebung der Berliner Hochschulen mit Delbrücks Rede verboten hat. Nun ist der Teufel los. Die Studenten haben heut schwere Zusammenstöße mit der Polizei gehabt. Abends war die große Protestkundgebung
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| im Stadion, zu der mir die Studentenschaft gestern Abend eine Karte geschickt hat. Ich war aus meinem ganzen Gedenken dort, konnte aber nicht hin, weil Lore erst nach 6 kam und ich sie doch nicht allein lassen konnte, nachdem ich viele Jahre m. Geburtstag in Klösterli gefeiert habe. Daß ich morgen nicht in Berlin bin, daß ich nicht im Senat bin, ist mir beunruhigend. Es spitzt sich jetzt allerhand zu; da gehört man an die Seite der Studenten.
Diese haben mir gestern eine minutenlange Ovation gebracht; es lagen Rosen auf dem Katheder, so daß nichts zu verbergen war. Ich bin - seltsam - in Berlin noch nie mit soviel Wärme begrüßt worden.
Die Feindschaft zwischen Hochschulen u. Regierung wird immer schärfer. Das moralische Plus hat die Studentenschaft, leider noch garkeine Aussicht auf politischen Erfolg. Es ist wie in der Zeit der Karlsbader Beschlüsse. Ich freue mich, daß die jungen Leute den Instinkt haben, diesen Staat nicht zu bejahen.
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Du erinnerst Dich, daß ich Dir schon vor ca 1 ½ Jahren riet, eine Verbindung mit den neuen Universitätsinstituten zu suchen. Die Situation wird niemals besser, wenn man etwas verschiebt. Ich müßte von Dir erfahren, wer in der Organisation der maßgebende Faktor ist. Dann schreibe ich natürlich gern. Aber die Anfrage muß durchaus konkret gehalten sein. Bitte also um solche Unterlagen.
Mein Dasein ist jetzt so gehetzt, daß ich nicht weiß, ob ich Dir vor oder nach dem Besuch bei Richter geschrieben habe. Quintessenz des letzteren war: "Ich bin erstaunt, daß Sie die Lage so richtig beurteilen." Seit 2 Jahren bohren die Sozialisten um einen Dozenten der Päd. ihres "Schlages". Karsen, den wir ablehnten, ist von Frankfurt geschluckt worden. Wilhelm Paulsen, der gescheiterte Berliner Stadtschulrat, war uns auch zugedacht, ist nach Braunschweig berufen. Richter fühlt sich auf die Dauer nicht stark genug, dem Drängen zu widerstehen, und rät zu freundlichem Entgegenkommen. Daß aber diese
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| 2 angeboten wurden, beweist schon das Niveau, das man hat oder wünscht. Ich weiß eben im Grunde keinen vollwertigen, ja kaum einen anständigen Vertreter jener Richtung. Morgen will ich die Sache mit Litt beraten. Aber ich rücke vom freiwilligen Nachgeben ab. Mit Karsen war es so (wie ich Richter sagte), daß ich im 1. Moment dachte: angenehm, weil er die Sache sicher diskreditiert. Aber ich fand dies gegenüber dem Ministerium u. der Universität unmoralisch. Warum soll ich aus Kompromiß herbeiführen, was ich besser der Verantwortung der anderen überlasse?
Es ist hier kühl. Gestern hat es mir (nach einer Unwetternacht) buchstäblich in die Kiste geregnet. Der Boden blieb trocken. Aber an den Holzpfählen kam es in die Decke des Silber - u. Rohdezimmers. Der Garten ist weit zurück. Meine Arbeiten auch, obwohl ich bis in die letzte Stunde tätig bin. Seit 3 Wochen finde ich nicht die Zeit, mir ein Paar Stiefel zu kaufen.
Wolff geht am 1.VII. Er hat sich in der letzten
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| Zeit so glänzend bewährt, daß ich ehrlich betrübt bin. Ende Juli gebe ich ihm ein kleines Abschiedsessen. Hingegen steht Wenke in inneren u. äußeren Schwierigkeiten.
Es wäre noch viel zu berichten. Aber ich bin zu müde. Deshalb möchte ich nur noch einmal sagen, wie innig ich Dir danke. Zum Schreiben werde ich sobald nicht wieder kommen, da ich bis zum 20.VII. bis in den letzten Winkel der Tage festgelegt bin. Das meiste geht zur Zeit nämlich schief. (z. B. Pestalozzi) Am 6.VII muß ich nach Lübeck, wegen des Akademischen Deutschland.
Viel treue Grüße
Deines
Eduard.

[] Vertraulich: Biermann läßt sich aus Gesundheitsgründen emeritieren u. zieht nach Frankfurt.