Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. August 1929 (Swinemünde)


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Swinemünde, den 6. August 1929
früh 8 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Hoffentlich ist der Hexenschuß bald vorüber gegangen. Wenig im Zug stehn, wenn man transpiriert hat, ist dabei sehr nützlich! Ich gedenke Dein von Swinemünde, wo Susanne u. ich gestern um ½ 12 vorm. angekommen sind und - nachdem ein Gewitter die ungeheure Spannung gelöst hatte - bereits einen erfrischenden Abend an der Spitze der großen Mole gehabt haben.
Mir tut eine Nervenanfrischung sehr not. Gestern vor 8 Tagen dachte ich, ich würde völlig zusammenklappen. Früh Vorlesung, 4 Uhr Rundfunk, dann 1 Stunde zuhören, wie einer sich seiner 1 Jahr lang aufgespeicherten Mitteilungen entlud; abends um 8 Habilitationssitzung Delekat. Ich hielt aus; aber er klappte mitten drin zusammen u. konnte s. Vortrag nicht beendigen. Wir haben ihn trotzdem acceptiert. Nur besteht diese m. erste Habilitation aus lauter - Indulgenzen.
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Am Tage vorher hatte ich noch einen schlimmen Zwischenfall. Obwohl Sonntag war, hatte ich vorm. 3 Konferenzen gehabt. Als ich kurz vor ½ 2 nach Hause kam, saß - das I da. Sie hatte die Absicht, mir stundenlangen Vortrag zu halten. Natürlich handelt es sich nicht um Jaenschs Arbeiten, sondern um die Frage, ob sie ihn heiraten solle. Ich lehnte mit aller Entschiedenheit ab, dazu ein Wort zu sagen. So brachte ich sie wirklich in 20 Min. heraus. Aber diese genügten, mir zu zeigen, daß es sich doch um eine ausgesprochen pathologische Natur handelt.
Dienstag mußte ich den ganzen Tag in der Stadt bleiben, um nachm. 10 Fleißprüfungen = 3 Stunden abzuhalten. Mittwoch war noch eine endlose Sprechstunde u. eine der obigen ähnliche Überraschung. Am frohesten war ich, als die "Universitäts"-Vorlesung geschlossen war. Die andere beendete ich am Freitag mit einer zugegebenen 50. Stunde. Nachm. kam Susanne - sehr gebräunt - von ihrer Reise.
Am Donnerstag den 1. wäre beinahe noch eine Überraschung gemischter Art gekommen. Wir
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| sollten laut Wahlparole den Mathematiker Erhard Schmidt wählen; denn es ist ein Naturforscher nach dem Turnus an der Reihe. Schon im ersten Wahlgang erhielt ich 26 Stimmen, die sich im 2. auf 33 erhöhten, während Schmidt 58 erhielt. Das bedeutet - wenn sich die Konstellation nicht ändert - Rektorat 1831/2 (Hegeljubiläumsjahr!)
Frl. Silber ist - recht plötzlich - abgereist, nachdem sie mich schon 8 Tage vorher meinen Dreck = 18 Briefe - mit m. sinkenden Kraft allein schreiben ließ. Herr Strasen mit Familie wird wohl am Sonnabend fahren. Ich bleibe dann bis ca 26.VIII arbeitend zu Hause. Die Arbeitsgemeinschaft findet ca vom 28.-30.VIII. auf der Ebernburg statt.
Swinemünde Strand ist gerade 2 Tage zu ertragen. Wir wollen heute zu Fuß nach Heringsdorf, ev. Bansin. Verzeih wenn ich schließe.
Wenn mit Krehl nichts ist, könnte man dann nicht etwas anderes versuchen?
Susanne wollte ein Blatt einlegen. Ich habe aber - wegen schneller Expedition - nicht zugeraten.
Ohne Worte wirst Du fühlen, wie diese
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| wenigen Tage durch das erschütternde Ende von Kühne, den ich im stillen sehr lieb gehabt habe, wieder erschüttert [über der Zeile] getrübt sind.
Noch ein Nachtrag: Freitag war ich mit Susanne im leeren Garten von Klösterli. Ich wußte nicht, daß schon am nächsten Tage ein neuer Mieter einziehen würde.
Bitte grüße unsre Freundin. Ich bin mit innigem Gedenken
Dein
Eduard

[] Haustür u. Gartentür sind sorgfältig gestrichen. Das Festessen für Wolff funktionierte gut.