Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. September 1929 (Heiden b. Rorschach/Schweiz, Hotel Freihof)


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Heiden bei Rorschach (Schweiz)
Hotel Freihof.
3.IX.29.
Mein innig Geliebtes!
Es ist ganz reizend hier. Das Hôtel, das „erste am Platze“ hat eine halb im Verfall befindliche Eleganz, wie sie vor 50 Jahren war, halb Schweizer Einfachkeit. Mein Zimmer, eigentlich mehr eine "Stube" liegt an der Ecke: aus jedem Fenster sehe ich auf Riesenbäume, dann ein paar Appenzeller Häuserchen, dahinter ansteigende Matten mit einer dünnen Waldkrone. Blick auf den See hat höchstens der Schweizerhof aus 3 Fenstern. Aber diese werden schwerlich frei sein. Überhaupt scheint vom Ort der See nicht viel zu sehen. Heut liegt er natürlich seit früh morgens im Dunst des guten Wetters. Ich habe darauf verzichtet, in der Sonne eine der zahlreichen Kuppen und Käppchen ringsum zu erklettern. Das ist ganz gut: so fange ich nicht gleich mit dem Staunen an. Zum Hôtel gehört ein größerer Park. Er endet mit einer Terrasse, von deren Bänken ein Seezipfel zu sehen sein muß. Sonst erinnert der Blick an den von Freudenstadt bei Palmenwald, nur daß alles viel stärker besiedelt ist. Die Luft ist mild, aber im Schatten doch sehr erfrischend. Der Wald fehlt nicht, aber er ist etwas "verkleckert". Der Ort
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| ist sehr sauber, im Hauptteil fast städtisch. Er macht einen Ansatz von Vornehmheit, aber wieder ist es die aus der Zeit von Rippoldsau. Die Besucher - sehr viel Schweizer - sehen bescheiden und unmodern aus. Gestern Abend eine Réunion Dansante im Hause (kaum bis 10), an der etwa 25 Leute teilnahmen. Man gehört mehr zur Walzerzeit als zum Foxtrott.
Es wird hier ganz das Richtige für eine Zeit der stillen Sammlung sein. Die Küche scheint leider sehr schwer. Pension 12 Fr. Doch verteuert sich das Leben sehr, weil eine genießbare Flasche Wein 5½ Fr. kostet. Bedienung sehr patriarchalisch: nur Mädchen. Der Salon sieht aus wie eine Sammlung von guten Stuben aus Tante Fannys Zeit.
Die Fahrt war doch recht lang u. heiß. Auf dem Schwarzwald kaum erfrischender als unten. Wir hatten in Konstanz Verspätung. Die Reichenau in Sommerfülle, doch nicht so anziehend wie im Frühling. Man denkt unwillkürlich: wenn man da gehen müßte. In Rorschach stand ein Zügelchen, höchst lächerlich anzusehen, mit einer Ulklokomotive u. einem Wagen, der ein oberes Aussichtsstockwerk hat. Das Gefährt fuhr unerwartet schnell ab, aber wieder zurück nach Rorsch. Hafen, dann wieder nach Rorschach Bhf, dann wütete es, von hinten gestoßen, durch Wald u. Matten, in der Höhe. So bin ich von 9 bis 7¼ ohne Pause gefahren, habe nichts bekommen außer ¼ Wein in Villingen.
Versäume nicht, mit den Bädern anzufangen, solange es warm ist. Wenn sie nichts nützen sollten, dann müssen wir doch mal zu einem richtigen Arzt gehen, nicht zu einer Wunderdoktorin. <li. Rand> Die 2 Tage waren sehr schön, besonders die Abende in der Pfalz. Laß es Dir recht gut gehen. Grüße den Vorstand.
Viel herzlichen Dank und Gruß Dein täglich gedenkender Eduard.