Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. September 1929 (Heiden)


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Heiden, den 6. September 29.
Mein innig Geliebtes!
Es ist hier so wunderschön, daß man es garnicht beschreiben kann. Allerdings nur zum "Dasein"; denn unternehmen kann man nicht viel. Man steigt immer wieder auf eine kleine Kuppe (so bis 970 m) und sieht den See und die Berge in immer anderer Gruppierung. Garnicht trennen kann ich mich von der Parkterrasse, deren Bild ich beilege. Am 1. Tage ist es mir da gegangen, wie dem Reiter über den Bodensee: ich habe garnicht gemerkt, daß das der See war, nicht eine Luftschicht. Von der Terasse, die zum Hotelpark gehört, sieht man links gerade bis Friedrichshafen. Manzell nicht mehr: deshalb habe ich gestern früh den Zeppelin wohl niedergehen, aber nicht landen sehen. Rechts folgen die Ortschaften Lakrenowa (dies zu enträtseln überlasse ich Deinem Scharfsinn.) Die Luft ist bei dem ewigen schönen Wetter mild, für die Erholung wohl nur zu mild was aber bei solchem Wetter auch von der Patenkirchner gilt. Ich habe viel gelesen, zunächst ein Dostojewski. Dann das Ms. des
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| Hunsrücker Bauern. Das hat mich tief gepackt in seiner Schlichtheit u. in der Tragik des Inhalts. Es muß unbedingt gedruckt werden. Soeben habe ich den 1. Brief in dieser Sache geschrieben.
Für Deine beiden lieben Sendungen danke ich herzlich. Du hast nur 2 Drucksachen übersehen. Deine Monita habe ich berücksichtigt. Gestern Abend kam die 1. Berliner Post. Denke Dir das neue Unheil: es war die Todesanzeige von Frau Kühnes Bruder (Geheimrat Heinze - Leipzig, dem Bruder des † Ministers) dabei. In meiner Einsamkeit fassen mich oft schwere Gedanken.
So saß ich einmal auf einer hohen Bank, nicht weit von vereinzelten Bauernhäusern, Bregenz gegenüber. Da kamen 4 Schweizerbübchen zu mir (7, 6, 5, 4 Jahre) Sie unterhielten sich sehr gut mit mir, obwohl ich kein Wort verstand. Nur der älteste sagte vernehmlich: "Städter". In jedem Hause klappert hier unaufhörlich der Handwebstuhl - Bauernelend, wie im Hunsrück.
Hier sind nur noch Schweizer Kurgäste. Ich bin ganz ungestört, auch im Hôtel.
Morgen ist Mendelssohnjubiläum. Ich habe eben nach Berlin telegraphiert, daß ich die Wahl in das Kuratorium der Mendelssohnstiftung annehme. Nächste Woche will ich mit St. Gallen Fühlung nehmen. Für heut <re. Rand> genug. Ich habe noch stundenlang zu schreiben. Herzlichste Wünsche u. Grüße Dein Eduard.
[li. Rand] Von Susanne bisher nichts.