Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. November 1929 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

8.XI.29 4 Uhr
Mein innig Geliebtes!
Du wirst Dir schon gedacht haben, daß die lange Verzögerung meines Schreibens mit dem bunten Inhalt der Tage zusammenhängt, die inzwischen verflossen sind. Ich habe Deinen Reisebericht aus Hofgeismar dankbar empfangen und will Dir, ehe ich zum 2. Mal - zur Seminareröffnung - in die Stadt fahre, in großer Eile wenigstens das Nötigste erzählen.
Das Waschbecken wurde am nächsten Tage fertig. Es ist nicht gerade sehr bequem; irgend etwas muß noch zum Ausderhandstellen beschafft werden. Gleichzeitig wurde sehr prompt und sehr geschickt der Vorhang angebracht. Alles ist gut, nur hängt der obere Teil reichlich 10 cm zu weit über u. verdunkelt das Zimmer. Das soll mit Hilfe von Frl. Rauhut noch geändert werden.
Frau Strasen ist am Dienstag endlich operiert worden. Es zeigte sich, daß der Blinddarm zu groß war u. drückte (herausgenommen.) Das Organ wurde in die richtige Lage gebracht. Es war aber auch von einem Absceß die Rede - und -
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| von später nötigen Bestrahlungen. (?) Das Befinden soll den Umständen nach recht gut sein. Heut traf schon eine von ihr selbst geschriebene Postkarte ein.
Mein Versuch, am Dienstag [über der Zeile] Montag die Vorlesungen zu beginnen, mißglückte. Es hatten sich etwa 300 Menschen eingefunden, die nicht mehr sitzen konnten. Nach 10 Minuten nötigten sie mich durch Massenrufe "Umziehen" zum Abbrechen. Aber wohin "Umziehen". Ich jagte mit Brosius zum Rektor, dann zum Ministerium, dann zum Rektor, mit dem Verwaltungsdirektor nach dem Langenbecksaal, dann in die neue Aula. Schließlich blieb es bei Richters mir nicht sympathischer Entscheidung: Umzug in die neue Aula. Dort spricht es sich miserabel, und es ist keine Schreibgelegenheit. Dienstag ließ ich ausfallen. Als (Das kam mir gelegen, da ich einen starken Schnupfen bekommen hatte.) Als ich am Donnerstag endlich anfing, ereignete sich das Unerhörte, daß alle 3 Emporen besetzt waren, unten noch viele standen und die Stufen des Katheders belagert waren. Man muß schreien, daß die Brustmuskeln weh tun. Heut u. gestern habe ich es geschafft. Aber das soll nun 60 mal so gehen! eine übermenschliche, sinnlose Anforderung. - An den
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| Minister habe ich privatim, d. h. nicht über die Universität, geschrieben, ich erwartete endlich sein Eingreifen in diese ungesunde Entwicklung. Immerhin bleibt es ein ergreifendes Symptom: dies ungeheure Interesse für - Ethik.
Gestern 10 Min ehe ich in die Stadt fahren mußte, wurde - das Ehepaar Frommherz gemeldet. Ich lud sie für ½ 2 zum Essen bei Lutter u. Wegner ein. Dann zeigte ich ihnen einige Gebäude u. trennte mich an der Siegessäule von ihnen. Heut fahren sie mit ihrem Auto zurück.
Morgen kommt Frl. Klostermann, ein Mittagsbesuch, dann ist Sitzung mit Kerschensteiner u. anderen im DLV. Sonntag Langemarkfeier, nachm. Rudolf Kühne. Und so fort bis Weihnachten.
Vorigen Sonntag war ich in Baumschulenweg, traf aber niemanden.
Das wäre wohl so das Wichtigste (Klempner war noch nicht da; ein kümmerlicher [über der Zeile] Ersatz, aber liebenswürdiger u. sehr hübscher Schreibmaschinengeist ist wenigstens für 1 Tag gefunden.) Du musst entschuldigen, wenn ich so kurz abbreche. Aber es ist Zeit, zur Platoübung (ca. 165!!) zu fahren.
Laß es Dir gut gehen u. sei innig gegrüßt von Deinem dankbaren
Eduard.

[li. Rand] Ungarische Übersetzung der Jps. eingetroffen.