Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./19. November 1929 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

18.11.29.
Mein innig Geliebtes!
Dein erster Brief aus Heidelberg hat mich durch die Nachricht über Dein Befinden beunruhigt. Du schreibst jetzt, daß Du Dich in ärztlicher Behandlung befindest. Ich hoffe, daß es sich um einen wirklichen Arzt handelt, nicht um eine Ärztin. Instinktiv glaube ich die Ursachen Deines Mißbefindens zu ahnen. Es handelt sich um eine chronisch gestörte Verdauungstätigkeit, deren schädliche Produkte auf das Gehirn wirken, so daß ein fast lethargischer Zustand entsteht, wie ich ihn auch beobachtet habe. Dieser Sache müssen wir doch nun auf den Grund kommen, und ich bitte Dich, hier keine Kosten zu scheuen, sondern wirklich den vertrauenswürdigsten Mann in Heidelberg zu befragen, nicht bloß einen praktischen Arzt. Jedenfalls würde ich es nicht verstehen, wenn eine Arzttochter sich aus
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| Befangenheit an eine Ärztin wendete, die eben doch nur - herumprobiert. Wir müssen nun wissen, was eigentlich die Ursache der Störungen ist, und Du tust mir einen großen Gefallen, wenn Du die Angelegenheit mit all der Energie behandelst, die sie fordert. Bisher sind nur Symptome kuriert worden. Die Sache selbst kann doch sehr einfach sein. Nervös ist das jedenfalls nur accessorisch.
Frau Strasen soll es sehr gut gehen. Leichte Blasenstörungen im Anfang haben sich gegeben. Die erste Gelegenheit läßt sogar einen positiven Erfolg für das Zentralleiden erhoffen. Ende der Woche kehrt sie vielleicht schon heim.
Ich habe einen 14tägigen Schnupfen, der zuletzt wieder eine Art Eiterung in der Nasenhöhle zu sein schien, endlich überwunden.
Meine Vorlesung halte ich in der neuen Aula vor mindestens 1300 Menschen. Parterre stehen sie sogar noch, oder lagern auf den Stufen des Katheders. Ich muß
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| mich mit den Brustmuskeln sehr anstrengen. Meine Intonation scheint für den großen Raum ausgezeichnet. Mit dem Problem habe ich mich also abgefunden, zumal noch keine nennenswerte Abnahme zu bemerken ist. Die Übungen über Plato haben mit 170 Teilnehmern gut eingesetzt.
Minister Becker hat mit anerkennenswerter Schnelle u. Aufmerksamkeit auf meinen Notruf geantwortet, sogar m. Beitrag zum "Akademischen Deutschland" sofort in Nachtstunden gelesen. Diese Arbeitskraft verdient doch Bewunderung. Er hat mir handschriftlich geantwortet. Vermutlich kommt es nun auch zu grundsätzlichen Beratungen.
Die vorige Woche war sehr anstrengend. Fast jeden Abend hatte ich bis spät zu tun. Am Dienstag war ich zum Rektoressen der Handelshochschule (am Abend des ziemlich bedeutungslosen Studentenkrawalls). Der alte Kollege Eulenburg, jetzt dort Rektor, hat sich erfreulich entfaltet; seine 2. Frau scheint ein Segen für ihn. Ich saß an ihrem Tisch, zwischen uns der preußische Handelsminister Schreiber, links v. Seefeld,
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| Staatssekrektär, der für die "Erziehung" den Nachruf für Kühne geschrieben hat. (NB. Vorletzten Sonntag bin ich mit Rudolf Kühne spazieren gegangen.) Am gleichen Tisch saßen Franz v. Mendelssohn, Reichskanzler a.D. Luther, Botschafter Schurmann u.a. Mit dem alten Schurmann, den wir jetzt zum Ehrenmitglied unsrer Akademie gemacht haben (das letzte Ehrenmitglied A. Schweitzer war in der letzten Sitzung) hatte ich eine angenehme Unterhaltung. Tags darauf war eine Aussprache über die Leistungen der höheren Schulen, an der ich mich erfolgreich beteiligt habe. Donnerstag Fakultätssitzung. Freitag Seminararbeitsanfang. Sonnabend um 12 bin ich nach Leipzig gefahren, 1 ½ Stunden mit Bernhard Schwarz auf alten Wegen spazieren gegangen, habe Lores jetzigen Aufenthalt inspiziert u. das liebe arme Ding begrüßt. Dann war ich bei Litts und nahm an einer öffentl. Sitzung der Leipziger Akademie teil. Um 8 fuhr ich zurück.
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| Unkosten dieses Ausfluges 48 M. Überhaupt sind die Ausgaben - märchenhaft.
Frau Witting schreibt: Felicitas' Bräutigam in Deutschland gelandet. Anderl designierter Nachfolger des Partenkirchener Buchhändlers. Sie selbst in Geldsorgen (Steuern) und Verkaufsverhandlungen.
Mein im Anfang des Semesters besonders schweres Dasein wurde beunruhigt durch Anwesenheit der Frau von Korinth I, die mich im Sinne von Frau v. Korinth II zu sprechen wünschte (was nicht glückte.) Sie Nr. I. sandte mir einen an sie, aber für mich bestimmten Brief (von Nr. II) im Umschlag von 52 Seiten: zerrüttete Gesundheit, zerrüttete Ehe - sehr, sehr traurig. Aber was kann ich tun? was darf ich tun? Ich habe die Dame genau ¾ Stunden mit ihrer Schwester gesprochen. Ich bin da wirklich ratlos und weiß nicht, was ich antworten soll. Denn ich fürchte mich vor einer neuen Heidi v. Winterfeld. Gern hätte ich darüber Deinen Rat.
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Hugo Gobisch, der traurige Vetter in Amerika, ist gestorben. Ich ging heut - dem 1. verfügbaren Tag, da Verabredung fortfiel, auf den Kirchhof u. dann zu den Cousinen, um einmal zu konstatieren, wie sie leben. Offenbar hat die tüchtige ältere eine Erwerbsquelle.
Du siehst an meiner Handschrift, daß ich nicht mehr kann. Erlaube also, daß ich abbreche und bei nächster Gelegenheit fortfahre. Denn morgen habe ich einen Extravortrag im Charlottenburger Rathaus, der noch ganz im Rohbau ist.
Dein Eduard.

19.XI. früh. Ich will nur noch hinzufügen, ehe ich ins Kolleg fahre, daß am Dienstag Herr u. Frau Reimesch (Kronstadt) hier waren. Kerschensteiner kam dazu. Er war sehr guter Stimmung u. es war besonders schön. – Beiliegendes¹) [Fuß] ¹) z. Z. nicht zu finden. Es war eine Seite der Bücherei Dussel, Rohrb. fand ich im Speisewagen von Leipzig - als Gruß aus der Rohrbacherstr. !!
Innige Grüße
Dein
Eduard.

[re. Rand] Über den Brief v. Mädi u. die Löscherfrage das nächste Mal. Anbringen d. Waschtisches hat 75 M!! gekostet. Es ist nichts Gescheites.