Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Dezember 1929 (Berlin/Dahlem)


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7.XII.29.
Mein innig Geliebtes!
Es ist so viel Stoff aufgelaufen, daß er garnicht in einem Brief zu bewältigen sein wird. Daß Du mit Deiner Ärztin zufrieden bist, ist ja ein Zeichen von Glauben und Treue. Wenn ich nur mit Deinem Befinden besser zufrieden sein konnte! Natürlich habe ich einen Spezialarzt für Magen-Darm gemeint.
Da ich gerade bei der Medizin bin, will ich gleich erwähnen, daß Frau Strasen seit reichlich einer Woche wieder da ist und mich bereits hier oben besucht hat. Sie war in allem sehr zufrieden. In der Tat ist es ja großartig, daß Operation und Behandlung alles auf Kassenkosten geht. Sie erzählte mir erst, daß Karl Ruge bei der Operation assistiert hat. Da das ja wohl etwas persönliche Gefälligkeit war, so frage ich Dich, in welcher Weise man ihm wenigstens symbolisch den Dank für sein so freundliches Interesse ausdrücken könnte.
Ich habe in der vorigen Woche eine rechts
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|seitige Halsentzündung gehabt, die auch das Gesamtbefinden störte. Einmal dachte ich, daß ich meine Schreiarbeit aussetzen müßte. Es ging aber, vor allem Dank der Wirkung von Thyangoltablettten. Auch diese Woche dauert der Zustand noch etwas an, was ja bei dem vielen Sprechen (die Sprechstunde dauert immer 4 Stunden) kein Wunder ist.
Aber merkwürdig: mein großes Publikum (noch ca 1200) bleibt; es verhält sich erstaunlich gesittet, und mir macht die (sehr schwere) Vorlesung mehr Freude als seit Jahren. Wenn ich auf das Katheder trete, ist mir, als ob ich auf eine Kommandobrücke käme und nun eine Stunde lang den Geist und die Geister dirigierte. Auch mit dem Seminar bin ich zufrieden. Aber beides nimmt sehr mit.
Am letzten Sonntag habe ich in Westend (Schule) vor 700 Leuten über Zeitfragen der Jugenderziehung mit großer Wirkung gesprochen. Herr v. Wilamowitz mit Frau und Frau Hedwig Heyl in 1. Bankreihe, zahllose Bekannte (auch Frau Seitz) und natürlich die Charlottenburger Judenschaft. Ein paar kleine Echos lege
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| ich bei.
An die Luft komme ich fast garnicht, zu Privatsachen wenig. Ich war einen Abend bei Seitzens, einen bei Lubowski, einen Nachmittag bei Hildebrandt. Dora Thümmel war einen Sonntag hier. Besuche von auswärts sind unerwünscht zahlreich. Diese Woche 3 Kommissionssitzungen um 1. (2 wenigstens habe ich mitgemacht.) So war ich Mittwoch bis Freitag über Mittag in der Stadt.
Dein Herr Bolza scheint, wie man so sagt, ein bißchen beschränkt zu sein. Sonst würde er sagen, daß jene Zölle nötig sind, um bereits gefährdete nationale Industrien einigermaßen zu schützen. Was würde aus dem deutschen Wein, wenn der viel billigere französische ohne jeden Zoll herein könnte? Und was seine andere Flause betrifft, so handelt es sich um eine uralt-bekannte Stelle aus dem Historiker Flavius Josephus (ich weiß nicht, ob auch der "flavische" Josephus auf Bolzas Rechnung kommt), mit der eine bestimmte, judenfeindliche populäre Wissenschaft seit langen Zeiten hausieren geht. Es ist doch klar, daß unsre Tradition nicht bloß auf Flavius Josephus beruht. Also es lohnt nicht, dabei zu verweilen.
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Die Briefe von Mädi sind sehr nett. Die Zeichnung ist flott; aber ich weiß nicht, sie scheint mir Reproduktion eines Bildes, das ich früher schon gesehen habe – vermutlich eine ungewollte Reminiscenz aus einem illustrierten Jugendbuch. Der verstorbene Kolbe hat sich immer wieder um eine Besprechung mit mir bemüht – es tut mir leid, daß ich nie Zeit dazu fand. Ebenso ging es mir neulich mit Schweitzer. Harnack brachte ihn in die Akademie mit, aber ich mußte natürlich prüfen gehen.
Frau Brackmann ist vorgestern hier in der Nähe beim Archiv überfallen und verletzt worden, der 2. Überfall in diesem Monat. Man hat die Betreffenden aber gefaßt.
Frau Witting berichtet, daß Anderl nach Partenkirchen in die dortige Buchhandlung zurückgeht. Felicitas schreibt mit dem Erwählten von Wank. Von Verlobung aber war – zu Frau W.s Betrübnis – noch immer nicht die Rede.
Frau Gomies u. Erika waren heut vor 8 Tagen zum Tee hier u. erzählten z. T. merkwürdige Dinge. Bernhard soll sich zurückfinden. Die Aussöhnung mit Klara hat nun (!) also stattgefunden. Ich habe doch geschrieben, daß Herr Gomies gestorben ist.
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Es ist sehr ärgerlich, daß Du keine Arbeit hast. Diese Passivität muß doch auf die Dauer unerträglich sein. Das Fach der medizinischen Zeichnungen ist eben nur eine Gelegenheitssache. Über diese ganze Frage wollen wir zu Weihnachten reden. Ich hoffe kommen zu können, muß natürlich auch dies Jahr den größten Teil des Tages arbeiten. Bleibt die Luft so (wir haben hier eigentlich Nachsommer), so müßten wir oder sollten wir allerdings fortgehen. Ich scheue nur die Kosten, da ich ganz unerhört große Ausgaben habe. Frau Paulsen versuchte wieder einen großen Pump, erhielt aber nur 200 M. Daß Lore ebensoviel bekommen hat, weißt Du.
Die Vfin der nunmehr vorliegenden "Frauen von Korinth" schrieb eigentlich recht vernünftig vermittelnd. Ein Telegramm aus München hat weiteren Briefwechsel zunächst sistiert. In jenem Buch wird anscheinend der Sinn der Ehe als Machtverhältnis gedeutet – eine Auffassung, die mir am Kern vorbeizugehen scheint.
Wer hat mit dem "Freund" der Kläre Fürst recht gehabt?
Frau Kühne habe ich besucht und eine gute Stunde mit ihr gehabt.
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Für Hermine Kleiser u. Cecilie Oesterreich besorgst Du wohl Kleinigkeiten wie sonst. Der Hermine werde ich 20 M schicken. Mir graut vor den Weihnachtseinkäufen.
Von einem Rasiertisch ist hier bisher nichts zu sehen gewesen.
Ich glaube, daß ich jetzt so ziemlich alles Wichtige zusammengestoppelt habe. Bis auf den Besuch von Willy Böhm sind heut und morgen ausnahmsweise frei. Ich muß die Zeit ausnützen.
Aber etwas Wichtiges habe ich doch noch vergessen. Ich bin zum 14.XII. als Zeuge in dem Prozeß Frl. Jacobys gegen Gerdes geladen worden. (NB. in meinem Prozeß ist die Berufung der Beklagten verworfen worden.) Ich soll aussagen darüber, a) ob sich G. verpflichtet habe, die Reparatur machen zu lassen; b) ob Frl. Jacoby dies mitgeteilt worden ist. b ist zu verneinen. Es bestand damals die Pflicht, Instandsetzungsarbeiten selbst zu bestreiten. ad a) sagt meine Erinnerung nach 6½ Jahren: Herr G. hat sich mündlich bereit erklärt, den Schaden auf seine Kosten zu übernehmen. Er sagte, sein Schwiegervater
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| sei in guten Verhältnissen u. sie wollten sich die Wohnung recht schön herrichten lassen. (Ich habe damals die Küche und das Mansardenzimmer, außerdem den Fußboden in einem Vorderzimmer [über der Zeile] + Korridor machen lassen) Du Solltest Du anderes als richtig wissen, bitte ich um Mitteilung. Du siehst, die Sache kommt nicht zur Ruhe. – Das hin und her wegen m. Dachreparatur nimmt gleichfalls kein Ende.
Endlich noch die Nachricht, daß sich die vermißte Katze von Hilde Genia wieder eingefunden hat.
Der Schritt Schachts sollte einen jetzt bestimmen, durch Teilnahme am Volksentscheid dieser Regierung entgegenzuwirken.
Nun aber Schluß: Innige Grüße und Wünsche
Dein
Eduard.

[] Ich lese den Zauberberg mit Widerstreben u. mit Bewunderung für das Technische.