Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Juli 1929 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Juli 1929.
Mein liebes Herz,
heute las ich den Protest der beiden Berliner Hochschulen. Das war mal gut, daß man es nicht bei der Verzettelung, die Becker vorgezogen hatte, beließ. Immer ist er gerade "verhindert", wenn Wichtiges zu verhandeln ist, dieser lauhwarme Vermittler. Aber einmal wird sein Balancieren ihm doch zum Verhängnis werden. Dann freilich – wird es noch übler! – Ich habe nun vor 8 Tagen definitiv beim Heidelberger Gemeindegericht den "Zahlungsbefehl" beantragt. Innerhalb dreier Tage sollte mir darüber Bescheid zukommen, aber noch hörte ich nichts. So ist es jetzt wohl überall. Damit ich nicht auch in diesen Fehler verfalle, will ich Dir mal auseinander setzen, was ich über das Forschungsinstitut weiß. Ich möchte aber, ehe man etwas unternimmt, noch einmal Nachfrage halten. Übrigens wäre ich garnicht auf den Gedanken gekommen, daß Du mir dabei helfen könntest, wenn ich mich nicht an Deine damalige
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| Äußerung erinnert hätte.
Also: oberste Instanz des Instituts ist Krehl. Es gibt aber in der Sache mancherlei Abteilungen und eine davon ist die bisher dem Krebsinstitut angegliederte unter Prof. Teutschländer. – Wie ich höre, soll in den andern Abteilungen keine Gelegenheit für mikroskopische Arbeit sein, sondern vor allem bio-chemische Forschung. Nun ist es nicht angenehm, mit T. zu arbeiten, er ist ein trockner Philister von entsetzlicher Umständlichkeit, aber natürlich würde ich lieber in den sauren Apfel beißen als in garkeinen.
Daß ich nicht früher Schritte tat, beruht darauf, daß mir schon lange von 3–4 Seiten Arbeit angekündigt war, und daß ich darum zögerte, weil mir früher oft alles auf einmal kam. Aber Prof. Gans bummelt, Dr. Herzog ist nach Erlangen gegangen, Dr. Faust ist Assistenz geworden und findet keine Zeit für die Wissenschaft. Und die Augenklinik "tröpfelt" nur.
So dachte ich also: ich wollte mich mal an Krehl mit einer Anfrage wenden. Nun soll es aber bei ihm durchaus wünschenswert sein, wenn man empfohlen ist. Fremde soll er
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| meist mit großer Eile abtun. Diesen Dienst wollte ich von Dir erbitten [über der Zeile] daß Du mit mir "bekannt" seist, daß Du ihm sagen möchtest, ich hätte mit gutem Erfolg mikroskopisch gearbeitet und suchte jetzt Arbeit (ohne bestimmte Angabe), ich würde ihn in den nächsten Tagen aufsuchen, um zu fragen, ob es nicht in einer der Abteilungen des Forschungsinstituts für mich Tätigkeit geben könnte. Das wollen wir aber erst in Scene setzen, wenn ich noch einmal Gertrud Spröhnle, die bei ihm Assistentin ist, gesprochen habe. Womöglich aber noch im Juli! – Ist Dir das recht?
– Sonst sind meine Gedanken noch oft in Cassel. Es war mir schwer, nicht hinzufahren. Aber ich habe in meiner augenblicklichen Lage nicht den Entschluß aufgebracht. Es schien mir ein unberechtigter Anspruch, der meiner Situation nicht mehr entspricht. – Vielleicht, wenn die 25 M. von Dr. Fürstenau eingegangen wären, hätte ich es getan –
Heute ist eine entsetzliche Gewitterschwüle, während wir vordem 2 herrliche Sommertage hatten mit kühlem Wind.
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Wie sind Deine Reisen verlaufen? Ach, schreibe mir doch bald mal wieder, ich brauche es so sehr!
Vorgestern war Dr. Günther hier. Ganz konsterniert über die Absage aus Marburg. Er kann etwas so kindlich Hilfloses haben, daß es erstaunlich ist. Mir kommt es immer vor, als solltest Du bei ihm die Stelle ausfüllen, die bei Jung-Stilling die Vorsehung versah. Denkst Du denn noch daran, ihn in Berlin anzubringen? Du hast mir nie wegen Delekat geantwortet. – Und ich hätte ja noch so viel Fragen – und Du keine Zeit! Aber das bitte ich Dich, laß Deinen Aufenthalt hier nicht allzu kurz sein. Es ist für mich sehr nötig, daß ich Dich ein paar Tage in Ruhe sehe! Es kann doch so schön hier sein und auf den Bergen ist die Waldluft gut. Der Vorstand ist heute in Ludwigshafen – kommt erst spät zurück. – Doch ich will noch fortgehen, drum ade für heute. Hoffentlich hältst Du die Anstrengungen aus; es wird viel Aufregungen gegeben haben! – In stetem Gedenken
Deine Käthe.