Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. August 1929 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. August. 1929.
Mein geliebtes Herz!
Habe Dank, daß Du mir schriebst, obgleich es Dir so wenig gutgeht! Was tust Du wohl, um Dich zu kräftigen? Wenn Du doch gleich mit dem Beginn der Ferien eine Erholung gesucht hättest! Es ist mir ein Kummer, daß Du Dich so bis zum äußersten abquälst und dabei doch nie das Bewußtsein haben kannst, daß alles erledigt ist! Was ist das denn mit den Nerven, wie äußert es sich? Hast Du nicht einmal Lebertran für ähnliche Fälle empfohlen? – Hoffentlich fühlst Du Dich bald besser, sonst wäre es wohl in der Tat geeigneter, die Sommerfrische nicht im Hochgebirge zu suchen, wo man unwillkürlich zu größeren Anstrengungen verlockt wird. – Daß Du nicht länger hier bleiben kannst, sehe ich ja ein, so leid es mir tut. Aber lieb ist es, daß Du Dein Kommen auf den 31. verlegt hast!
Heute will ich Dir nur die Briefe endlich zurück schicken. Es wäre eher geschehen, wenn ich nicht von Montag bis heute den Besuch von Bertha van Anrooy gehabt hätte, was mich durch Fürsorge und Unterhaltung ständig in Anspruch nahm. Es war eine nette Zeit, aber Du weißt schon, nicht besonders anregend. Aber Wir waren viel draußen, ganze Tage bei herrlichem Wetter und das war erholsam. Trotzdem denke ich doch daran, jetzt nochmal wieder Radium-Bäder zu nehmen, daß die rheumatischen Schmerzen zu hartnäckig sind. Das will ich besonders auch deswegen, um dann wirklich leistungsfähig zu sein, wenn ich mich in Oktober bei Dir nützlich machen soll. Ich finde das einen sehr netten Gedanken und freue mich darauf. –
Von der Frau Schumann mußt Du mir noch erzählen; wie hübsch ist es, wenn solche Beziehung wieder auftaucht.
Cläre Fürst hast Du nur aus meinen negativen Berichten kennen gelernt, denn es ist ja unwillkürlich, daß man nur das erwähnt, woran man Anstoß nimmt und was man
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| sich nicht deuten kann. Aber Du hast dadurch sicher kein richtiges Bild bekommen und ich kann Deinen Pessimismus nicht teilen. Und wenn es wirklich vergeblich wäre, einen Einfluß zu suchen, ist es nicht immer der Mühe wert, wenn die Gelegenheit sich bietet und ein Mensch in Not ist? Du fragst doch auch nicht, ob es Dir vielleicht Enttäuschung bringen wird – siehe Bernhard und manch anderen. – Was aber das Geld anlangt, so ist das keine Finte, und das Versteckspiel ist nicht Unwahrhaftigkeit, sondern die Scheu des Jugendlichen, die Du ja so gut kennst.
Eine gewittrige, trübe Luft liegt über der Stadt und ich habe stundenlang gelegen – gelesen und geschlafen. Es hat so etwas Lähmendes heute, während die Tage vorher trotz der Hitze nicht drückend waren. – Herr und Frau Dr. Günther haben mehrmals vergeblich versucht, mich zu besuchen. Ich traf sie dann auf der Straße und werde nächsten Sonntag vermutlich mit ihnen von Hirschhorn über die Berge nach Eberbach gehen. Sie sahen sehr wohl und vergnügt aus. –
Aenne ist heute eingeladen, da bin ich still zu Haus und genieße das Alleinsein. Du wirst da mitfühlen können! Aber heute, hoffentlich, bist Du nicht allein, sondern mit Susanne irgendwo in guter Luft und freier Natur! – Wie habe ich Dein gedacht: wieder oben auf dem Dilsberg, und abends bei Meyer auf der Terrasse bis es dunkelte und die Lichter aufblitzten. Es war so friedlich wie in alter Zeit. So wird es in der lärmenden Rohrbacher Straße auch am Sonntag nicht mehr.
Bald schreibe ich Dir wieder und erwarte keinen Brief von Dir. Nur, wenn es möglich wäre, eine Karte mit Bericht über Dein Befinden. – Ich grüße Dich von ganzen Herzen zu jeder Stunde!
Deine
Käthe.