Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Januar 1930 (Dahlem)


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Dahlem, den 20.I.30.
Mein innig Geliebtes!
Diese angeknabberten Briefbogen hast Du mir gekauft. "Ich kann also nichts dafür". Es ist spät nach einem mühseligen Tag. Viel schreiben werde ich nicht. Die beiliegenden Briefe mögen an meiner Stelle reden. Das Ganze soll morgen früh in die Post. Der 18. Januar ist also vorbei. Und gut. Obwohl vorher allerhand Zwischenfälle waren. Das schrieb ich wohl schon, daß der Rektor um 1 bei Hindenburg frühstücken sollte zum Abschied für Schurmann. Deshalb wurde die Feier auf 11 gelegt statt 12, etwas, das Professoren u. andere nun einmal nicht apperzipieren. Im letzten Augenblick strich mir Magnificus auch noch die Leonoren-Ouvertüre, an die mein 1. Satz sinnreich anknüpfte. Es blieb nichts als "Intrada" (ein von einem Zahnarzt (!) geleitetes Gequieke von Instrumenten, Rede, Deutschlandlied 1. Strophe, Extrada mit Zahnarzt) also Existenzminimum der Feierlichkeit. Wir hatten ausgerechnet: Ouvertüre 12 Min.
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| Handwechseln Sr. Magnificenz 10 Minuten, Rede 1 Std. 5 Min. - nun, nach langen Verhandlungen, bei denen der Rektor menschlich wirklich entzückend war, mußte also die Ouvertüre weichen, weil der Zahnarzt nur Tuter bestellt hatte u. keine Streicher.
Ich sprach 1 Std 10 Min. - Beweis, wie schwer die Länge durch häusl. Probe zu berechnen - mit mäßiger Stimme, die ich in dieser Stärke nicht mehr zu modulieren vermochte (cf. Norden). Die Stimme hätte auch 2 Stunden ausgehalten, da ich garnicht erkältet war, dafür aber natürlich Darmzustände. Das Haus war voll besetzt. Nur in der Mitte waren viele fest vergebene Plätze frei geblieben. Wahrscheinlich wegen Anfang 11? Das war unangenehm. Ca 1900 waren aber wohl da. Sie hörten still, ohne Husten und Fauchen bis zum Schluß zu. Ich hatte sie. Lauten Beifall wagte man nicht. Der Druck über Deutschland ist wieder einmal zu stark für spontane Kundgebungen. Gleichzeitig hielt die "Allgemeine Studentenschaft", die in Feindschaft mit der Regierung lebt, ihre Sonderfeier in der
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| Singakademie. Symptomreich! Ich fühle, daß ich meine Leute hatte. Bei Wilamowitz und Schumacher sah ich Tränchen.
Seitdem habe ich natürlich sofort die Arbeit an dem nächsten Vortrag aufgenommen. Nur 1 Stunde war ich bei D. Th., die verständnisvolle mitfühlende Zuhörerin war. Die Frau v. Korinth machte sich durch eine Freundin, psychoanalytische Ärztin hier, bemerkbar, deren Wunsch nach Unterredung ich ablehnte. Der Offerte von Hilde Gemia wegen eines Küßchens gedenke ich näherzutreten. Heinrich Scholz teilt mit, daß er sich demnächst wieder verheiraten wird mit einer 25jährigen, die auf dem Bild zart sympathisch erscheint.
Letzter Sonntag unsagbar schwierig wegen 5 Besuche, darunter ganz plötzlich auch Hans Heyse. Das kostet dann die Mittagsruhe. Lore ist, unerwünscht, in Breslau. Leipzig scheint schon wieder zerbrochen. Was mich betrifft, werden die nächsten 14 Tage schrecklich sein. Es ist so viel extra: die neuen Statuten, 3 notwendige Abendausgänge, Manuskripte, der Vortrag am 28.XII.
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| Aber eine günstige Fügung hat immer noch über das unmöglich Scheinende geholfen. Es ist ja auch draußen Frühling, und 6 Wochen sind schließlich keine lange Zeit. Im Kolleg sind wohl noch 1100 mindestens. Morgen kommt, aus plötzlicher Erleuchtung, ein großer Wendepunkt.
Ich freue mich, daß Du wieder zu tun hast. Bald sehen wir uns ja wieder.
Herzlichen Gruß
Dein müder
Eduard.