Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. April 1930 (Trier)


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Trier, 16.IV.30.
abends 11 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Du wirst erstaunt sein, heut Abend noch eine Nachricht aus Trier von mir zu erhalten. Sie ist zugleich ein Ostergruß; in Berlin wird es so bald nicht zum Schreiben kommen.
Das ist hier eine sehr merkwürdige Regie. Unser "Abbé", der Vorsitzende des Deutschen Hochschulverbandes, ist sehr sympathisch, aber für mich im physiologischen Rhythmus nicht brauchbar. Denke Dir folgende Tageseinteilung von gestern: 9–1 Sitzung, 1 Uhr Mittagessen, ab 3 Uhr Führung durch den hiesigen "Ausgräber" Löschke durch 1) Porta nigra, 2) Basilika (jetzt protestant. Kirche) m. E. der großartigste römische Rest, Museum mit unendlichem Reichtum, z. T. vorrömisch, darunter eine röm. Bronzefigur Hermes in der Zigarrenkiste, alles so frisch gefunden wie Blumen auf der Reichenau (entzückend!), dann das eben
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| aufgegrabene Tempelfeld (Römisches, Keltisches, Christliches, Fränkisches über einander) dann die Kaiserthermen, dann das Amphitheater, dann das Weinmuseum — 5 Stunden bis zum Weißbluten. Dann "Umtrunk" der Stadt Trier im Weinmuseum. Dann um 9 Abendbrot im Hotel.  —  Um ¾ 10 Forts. der Sitzung mit intensivster und fruchtbarer Diskussion meines um 9 Uhr [über der zeile] früh begonnenen Referates. Schluß – ½ 1.
Ich war heut früh physisch einfach nicht imstande zu reisen. Auch lag noch ein interessanter Beratungsstoff vor. Wir saßen von 9 ¼ – 2 ¼. Dann Mittagessen. Der Hochschulverband, der alles bezahlt, stellt für 5 Herrn ein Auto nach Luxemburg. Unterwegs an der Lux.schen Grenze die Säule von Igel (23 m hohes völlig erhaltenes riesiges Grabdenkmal einer römischen Kaufmannsfamilie – so ca 300 post.), durch die Ausläufer der Ardennen nach Stadt Luxemburg landschaftlich eigenartig. Stadt bedeutungslos. Grabmal des unbekannten Soldaten (gegen uns.) Rückkehr 8 Uhr. Jetzt Schluß
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| Auch für die 7 Hinterbliebenen mit fortgesetzten Weinproben. Wenn es gut geht, fahre ich endlich morgen 10.30 mit Franke nach Berlin.
Zunächst aber bin ich todmüde. Seit gestern ist es schneidend kalt. Ich lese in der Zeitung, daß es auf dem Schwarzwald schneit. Hier waren 2 Magnificenzen, die Herrn Welte kennen u. ihm auf meine Anregung zum Geburtstag gratuliert haben. Wie viele kennen die Reichenau! Die heutige Reichenau kennen vielleicht nur wir. Excellenz v. Köhler (Tübingen) erzählte sehr packend von Frl. Reinhards Italienfahrt, die das Entsetzen des deutschen Generalkonsuls war. Von Reinhard spricht alles mit größter Hochachtung.
Ich bin todmüde. Schluß und herzlichen Gruß.
Dein
Eduard.