Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. April 1930 (Berlin)


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26 [über der Zeile] 7.IV.30.
Riehls 86. Geburtstag.
Mein innig Geliebtes!
Der Semesteranfang (Dienstag) steht in bedrohlicher Nähe. Da will ich doch vorher noch einmal schreiben. Es hat mich bekümmert, daß Du ein paar Tage krank warst. Wie ich höre, soll so etwas Grippeartiges jetzt die Verdauungsorgane befallen. Gottlob schreibst Du, daß es vorüber ist.
Ich hatte bald nach m. Ankunft hier 3 unerfreuliche Tage mit Neuralgien, die ich seit langem nicht mehr kenne. Auch das ist vorüber. Sonst war der Kontrast natürlich auch nicht lieblich: die alte Arbeitslast brach gleich wieder herein: Briefe, Semestervorbereitung, Manuskripte - alles ist so schlecht und recht im Gange. Aber der nötige élan ist garnicht da.
Die Feiertage habe ich sehr einsam u. arbeitsam verbracht. Am 1. abends waren Gieses da. Das Lehrerhafte schlägt bei ihm doch sehr durch. Am 2.
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| besuchte ich Tante Röschen vergeblich u. ging dann auf den Marienfriedhof. Ich besuchte Scholz, fand das von unzähligen Kränzen bedeckte Grab des Nationalsozialisten Wessel, der ermordet ist, und das gut angelegte Grab Deiner Stiefmutter. Der Hügel Deines Vaters ist vorn ganz zusammengesunken. Da muß doch etwas geschehen. Soll ich es veranlassen?
Dienstag nachm. kam Susanne. Wir brachten 2 Blumentöpfe auf Riehls Grab (fuhren sogar per Dampfer hin), gingen nach der Meierei und via Sanssouci zum Bhf. Potsdam. Mittwoch war meine erste Sprechstunde mit 80 Besuchern. Das Unterseminar auf 100 zu halten, wird also unmöglich sein. Vorgestern u. gestern war die Konferenz über soziale Frauenschulen im Wohlfahrtsministerium. Dort hält man die Sozialisten geschickt in Schach. Die Personalpolitik unseres Ministeriums macht sich aber schon stark bemerkbar. Über Heidegger weiß ich nichts. Nach der Sitzung war ich mit Annerose Fröhlich zusammen, tags zuvor mit Muthesius Sohn (dem Stadtrat.)
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| Heut nachm. waren Hildebrandts bei mir. Die letzten 3 Tage war Sommerwetter, sehr schwül, heut Gewitter. Die Malerarbeiten sind beendet, nur der Zaun am Modderhaufen ist durch Regen beeinträchtigt.
In der Zwischenzeit lese ich sehr viel fürs Kolleg, sehe aber erst jetzt die ganzen Bezüge, denen man gerecht geworden sein müßte, ehe man anfängt, über Weltanschauungslehre zu lesen. Allenthalben - ich will nicht sagen: wanken, aber wandeln sich die Fundamente. Originaler Eigen + Unsinn, wie Heideggers selbstgemachte Philosophie, wird da nicht viel helfen können. Wer das könnte: die Fortdauer der mythischen Grundmotive im heutigen Denken vollständig zeigen, der würde Großes leisten.
Korrespondenz mit Frau Witting. Es klappt nicht zwischen - ? Schwiegersohn u. Schwiegermutter. - Vorgestern habe ich eine recht ansehnliche Kristallschale an Frommherzens gesandt, mit Brief. Vorher kam ich nicht zur Danksagung.
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Soeben habe ich wieder einmal eine Liebeserklärung mit dem kalten Wasser der Pädagogik begießen müssen. Sehr lästig.
Am Dienstag beginnt der viele Betrieb. Sonnabend treffe ich mich vielleicht mit Flitner in Ludwigslust. Dann geht es so weiter. Hoffentlich halte ich durch.
Innigste Grüße
Dein
Eduard.