Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Mai 1930 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 17. Mai 1930.
Mein innig Geliebtes!
Ich empfinde es fast wie Schuld, daß ich Dir so wenig schreibe. Aber es ist nun einmal so: eine Karte genügt mir nicht, und zu einem Brief ist eigentlich niemals Stille. Nun sende ich meiner Karte aus Leipzig wenigstens einige Dokumente des Tages nach. Aber viel erzählen kann ich Dir auch heut nicht, weil ich in den Abendstunden immer todmüde bin. Das Semester ist doch sehr schwer einzurenken bei der sehr unvollkommenen Vorbereitung. Nun habe ich alles in Gang. Aber es war ein hartes Stück, weil ich eben doch ausgepumpt bin. Und doch heißt es immer auf dem Posten sein, damit man zur rechten Zeit eingreift. Ehe ich nach Leipzig fuhr, habe ich noch meine Trierer Gedanken schnell ausgearbeitet für die "Erziehung". Denn in der Universitätsfrage
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| muß jetzt etwas geschehen. Es kommt wohl schon in der nächsten Nummer. In Leipzig sah ich - ein wehmütiger Eindruck - viel alte Kollegen, von manchen aber nur den Stein auf dem Friedhof. Ich war nach der Trauerfeier bei Litts. Er hat die Operation wohl gut überwunden, wird aber unangenehm schwerhörig. Außerdem konnte ich nur die Witwe von Heinze und Frau Rohn besuchen; für das geplante Cröbern (Frau Dr. Günther) reichte die Zeit nicht, zumal bei Gewitterstimmung. - Heut war ich bei der Trauerfeier für Helene Lange. Wie man auch im einzelnen urteile, sie war ein ganzer Mensch.
Im Hause geht es normal. Die Malerarbeiten haben fast 400 M gekostet. Auch sonst sind viele Ausgaben, (Schreibmaschine), denen allerdings auch sehr große Einnahmen gegenüberstehen. Im Garten blüht es, vor allem der Flieder; die Pappel kommt ganz langsam, und von den 8 Fichten sind erst 4 wirklich ausgeschlagen. Frl. Silber ist sehr erschöpft und übernimmt doch allerhand
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| Vertretungsstunden. Sie sieht selbst, daß es bei mir im Winter nicht mehr so geht.
Die Zahl der Vorlesungsbesucher war bisher nur im Wachsen. Heinrich Maiers Untätigkeit und Unfähigkeit, einfache Geschäftsdinge zu behandeln, wird allmählich unerträglich. Die Fakultät hat um den Protest gegen Heideggers Berufung lange debattiert. Es ist nichts herausgekommen, als daß der Dekan und - H. Meier zum Minister gehen sollen. Eigentlich sollte ich mitgehen; aber ich hatte aus wichtigen Gründen zuletzt gegen die ganze Aktion stimmen müssen. Herr Becker saß in der 1. Fakultätssitzung mit dem Gesicht eines Schülers, dessen Gewissen nicht gut ist, friedlich in unserer Mitte. "Gott erhalte Ihnen Ihre Komplexe", lautet eine moderne Redensart.
Morgen soll ich nun einen freien Tag haben. Es ist der Ausflug mit Dora Th. nach Freienwalde. Ich darf mir so was ja eigentlich nicht gestatten. Und auch sie hat wieder einen
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| beunruhigenden Darmzustand. Für mich ist die Not insofern nicht groß, als ich so oder so doch nicht durchkomme. Da geht es Litt trotz allem noch besser. Aber wenn Flitner in seinem Seminar 700 hat - wie will ich über meine 225 (mit Grenzsetzung) klagen. Ein mäßiger Mann wie Schneider - Köln, der heut bei mir war, hat 600 Zuhörer. Da muß ich fast glauben, daß meine Vorlesungen - schwach besucht sind mit ca. 700. Wo soll die Entwicklung in Deutschland nur noch hingehen?
Ich muß wohl für heut abbrechen, da meine Handschrift doch kaum noch leserlich ist.
Sei mit innigen Wünschen tausendmal gegrüßt von Deinem
Eduard.