Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Mai 1930 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

31.V.30.
Mein innig Geliebtes!
Hoffentlich die schwerste Woche dieses Semesters liegt hinter mir:
Montag:½ 2 Baron v. Engelhardt ½ 5 Frl. Koch.
Dienstag ½ 8 Gesellschaft beim alten Seeberg - immer ein wohltuender Kreis.
Mittwoch: Sprechstunde von 1 bis ¼ 7, mit einer Kaffeepause ohne Mittag, ½ 7 Frl. Silber.
Donnerstag  (Himmelfahrt) 11 Uhr Festversammlung der Gesellsch. für Volksbildung. Vortrag von mir (im Reichstagssaal) "Volkskenntnis, Volksbildung, Volkseinheit", durch Rundfunk (Deutsche Welle) übertragen, daher vorgelesen, auf die Minute abgepaßt. Dann Festessen im Reichstag, bei dem ich angenehm zwischen dem Vicepräsidenten d. Reichstags v. Kardorff und dem Vors. d. Gesellsch. f. Volksbildung, dem liebenswürdigen Dr. Pachnicke saß. Vorfeier für Tews' 70. Geburtstag. In meiner Nähe die Kammersängerin Frl. Hiedler, die mich als Jüngling entzückte. Freudiges
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| Begegnen. Um 5 Tee bei Sombarts mit vielen Bekannten, darunter der rumänische u. der. frz. Botschafter de Margerie, der nicht deutsch spricht u. für mich also nicht traktabel war. Um ½ 8 zu Hause Susanne. Dann Vorbereitung auf die Vorlesung.
Freitag: 10 Vorlesung, nach Dahlem in Begleitung, Vorbereitung aufs Seminar, ½ 5 Sanatorium des Westens (Seitz) ½ 6 - 7 Seminar. Dann Besprechung mit 2 Leuten, ab ½ 9 Vorbereitung auf heute
Sonnabend: ½ 10 Besuch von Litt. Um 11 ins Harnackhaus. Um 12 Referat von mir: "Probleme der Begabtenförderung" im Kreise der Vertrauensdozenten der Studienstiftung d. Dtsch. Volkes. Aus Heidelberg waren da Ranke u. Bergsträßer. Bei Tisch neben Frau v. Zahn-Harnack. Nach Schluß der Tagung Grunewaldspaziergang mit Litt u. Dibelius.
Dies die "Woche."
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Ich bin in vieler Hinsicht sehr traurig, mein Liebes. Kerschensteiner schrieb (diktiert) vor 14 Tagen, daß er mit Fieber und Bronchialkatarrh liege, seit 1 Woche. Ich schrieb ihm 3mal. Seit 8 Tagen habe ich nun nichts mehr gehört. Harnack, der mich noch vor 14 Tagen durch verständnisvolles Eingehen erfreute, liegt krank bei Euch. Krehl behandelt ihn. Kardorff sprach von ernster Lage; Frau v. Zahn konnte die Sorge heut nicht leugnen. Ganz besonders aber erschüttert mich, daß mir die Schwester gestern im Sanatorium d. Westens sagte, das Befinden von Frau Seitz sei ernst. Die Ärzte "nennen" es Rheumatismus. Es muß ganz etwas anderes sein. Und siehst Du - viel Menschliches habe ich hier nicht zu verlieren. Ich mag mir um des lieben alten Herrn willen nicht denken, daß das zu Ende gehen sollte. Es war da so viel lebendige Güte und Wärme. Was bleibt dann? Sus. hat, wie oft, ihre völlig leere Epoche. Dieses Glück hat ja immer seine so fühlbaren Grenzen gehabt. Ich kann aber doch nicht bloß Arbeitstier werden.
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<leere Seite>
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Ich komme zu kleinen Berichten. Mit Dora Th. vor 8 Tagen in Freienwalde war es infolge herrlichen Wetter schön. Sie hat wieder Darmstörungen, ist aber unverändert tapfer und widerstandsfähig. Sie hat mir in 2 Hinsichten sehr geholfen: eine Nachfolgerin für Frl. Silber, die "gekündigt" hat, ist wenigstens durch sie in Aussicht. Und für den Dachschaden, der bei Gewittergüssen noch immer bemerklich ist (aber nicht mehr auf dem Boden, sondern nur im Silberzimmer) scheint sie auch den rechten Mann empfohlen zu haben. Ich habe für das Eßzimmer 8 Nußbaumstühle mit Leder, für m. Schlafzimmer 3 Mahagonistühle bestellt. Das wird dann die geplante Studentengesellschaft erleichtern. Im Garten blüht es. Ich gewinne Interesse für die Pflanzen, die mich pädagogisch belehren. Seit gestern schlagen sogar die 4 neuen Fichten aus. Die Pappel hat wirklich Blätter bekommen. 2 Rotdornbäumchen entwickeln sich, und die Rosen haben schon dicke Knospen. Der Flieder hat kräftig geblüht.
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Der Plan "Arnold Ruge" für Jena war hier bekannt u. warf kein günstiges Licht auf das System. Nun ist Leisegang berufen - eine einwandfreie Sache. Der Fall Heidegger, über den nur mündlich zu berichten ist, schwebt noch. Man hört aber gerüchtweise schon seit einiger Zeit von Ablehnung. Hanu ist geschäftlich fast unbrauchbar.
Frau Witting berichtet über das fortdauernd seltsame Verhalten des Schwiegersohns, der mit ihr keine Verständigung sucht. Erika berichtet vorsichtig über Bernhard - man weiß noch nicht recht.
Wallners Frau (ebenso wie die von Benno Böhm) hat Fehlgeburt gehabt. Angeblich soll Dein Schwager die Sache zu leicht genommen haben. Frau Strasen krebst so, Frau Bernsdorf ist nach schwerer Krankheit wieder zu Hause. Hermann Heyse geht es gut.
Morgen kommt Rudolf Kühne. Montag bin ich kurz bei Frau Kühne. Dienstag mit Pigors (Übersetzer) bei Wallners. Donnerstag ist Feier von Schmidt-Otts 70. Geburtstag. (Festessen.) Sonnabend Pestalozzikonferenz.
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2. Feiertag Besuch aus Leipzig.  3. Feiertag traditioneller Ausflug mit Susanne. Donnerstag müßte ich in Weimar sein. Da aber Freitag 80. Geburtstag von Lenz, so fahre ich frühestens Freitag 2.41, bin Sonntag Abend zurück.
An der Trauerfeier für Helene Lange habe ich teilgenommen.
Nun habe ich wohl das Wichtigste erzählt. Ich habe mich gefreut über Deinen Gruß aus Lindenfels u. den soeben vorgefundenen Brief. Sommerpläne noch dunkel. Gern ginge ich um den 8. August mit einem mir vertrauenerweckenden Studenten nach Partenkirchen oder Mittenwald. Dann weiter. Ich hoffe, daß auch für uns Zeit und ein Zusammen sein irgendwo und irgendwann herauskommt. Aber der Schwarzwald ist wohl für m. Gemütslage nicht günstig. Ich würde jetzt keine Einsamkeiten mit Wald ertragen. Darüber schreibe ich noch. Engadin wäre schön - aber der Schweizer Hotelstil ist mir zuwider.
Innigste Grüße u. Wünsche Dein
Eduard.

[re. Rand] Meine beiden Vorträge haben sehr Stimmung gemacht.
[Kopf] Eine fatale Geschichte: die Übersetzung m. Jugendpsychologie ins Ungarische ist nachweislich eine Schweinearbeit. Ein Kritiker rettet <re. Rand> mein Werk vor d. Übersetzern u. schickt mir beglaubigte Übersetzung s. Kritik.
Ludwigshafen u. Speyer werden frei!