Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./15. Juni 1930 (Dahlem)


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Dahlem, 14.6. 30 spät.
Mein innig Geliebtes!
Du siehst, daß ich nicht in Weimar bin. Denn diese "Ferien" sind von vorneherein mißglückt. Ich bekam schon Sonnabend vor Pfingsten eine kleine Verdauungsstörung. Am 1. Feiertag war ich mit Susanne in Potsdam, konnte aber nur sehr schwer gehen. Am 2. Feiertag hatte ich allgemeines Nervenelend. Trotzdem fuhren wir am 3. Feiertag nach Neustrelitz. Nachmittags weiter nach Feldberg, um das von m. Kollegen Schuchhardt entdeckte slawische Zentralheiligtum Rethra zu sehen. Dafür standen 3¼ Stunden zu Gebote. Es war heiß, z. T. sonnig, landschaftlich sehr schön. Aber der Weg bedeutete für mich eine Überanstrengung, u. schon auf der Rückfahrt nach Berlin hatte ich Herzzustände. Ich konnte aber nur wenig schlafen. Mittwoch ½ 9
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| kam das Schreiberkind, um 11 war ich bei Kroll zur Begrüßungsfeier des Kathol. Lehrerinnenvereins, mit Auto um ½ 2 zu Hause. Dort erwartete mich Schüppler, der Mann, der immer zu Weihnachten die Manuskripte schickt. Er blieb – in unablässiger Diskussion – bis ½ 9. Das gab mir den Rest. Ich war nervös, völlig kaputt, und mußte Donnerstag bis 11 im Bett bleiben. Dann arbeitete ich. Um 5 kam Frau Prorektor Lampe, um 8 der Referendar Adalbert Körner (am gleichen Tage gebacken.) Er blieb bis 12. Die Hitze war unerträglich. Wegen m. Befindens gab ich die Reise nach Weimar auf, auch um an den Trauerfeiern für Harnack teilnehmen zu können. Freitag um 12 in wahnsinniger Hitze bei Lenz zum 80. Geburtstag. Dann blieb ich zu Hause. Die Familie H. hatte mir eine Karte zur Familienfeier geschickt. So war ich heut um 10 im Krematorium Wilmersdorf. Morgen ist die öffentliche Feier
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| hier im Harnackhaus.
Soweit ich konnte, habe ich maßlos gearbeitet. Aber ich komme nicht durch. Ich bin erschöpft bis zum Verzagen. Ob ich der nächsten schwere Woche Herr werde, ist noch fraglich. Mindestens der Darmzustand ist besser. Aber ich habe furchtbare Wadenkrämpfe gehabt und Schmerzen überall. Es geht in diesem Maß nicht weiter.
Erwähnen will ich die katholische Tagung. Stimmungsvoll, geschmackvoll. Alle Behörden vertreten, Wirth an der Spitze. Auch der Bischof von Berlin, der sich freute, den "berühmten Pädagogen des Abendlandes kennen zu lernen". Als die Liste der anwesenden Behördenvertreter lautlos angehört war, ging bei Erwähnung meines Namens ein auffallendes "Ah" durch die Menge, und ein langanhaltender Beifall nötigte mich, mich dankend zu verneigen. Der 1. Fall, daß in Deutschland jemand aus "anderem" Lager anerkannt wird. Übrigens sprach Wirth hier gut u. frei, im Gegensatz zum
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| Donnerstag vorher, wo er bei der Schmidt-Ottfeier ablas. Dieses festliche Mittagessen war übrigens sehr hübsch, und der liebe Mann wurde nach Verdienst gefeiert, ähnlich wie ich, ohne Ansehen der Richtung. Durfte er doch sogar seine Dankbarkeit gegen den Kaiser öffentlich einleitend erwähnen. Er wie seine Frau waren zu mir sehr herzlich. Es sprachen 20 Redner.
Mit Harnack haben wir einen Großen verloren, der – mit Recht – nicht unumstritten war. Mir hat er immer, bis zum letzten Sehen vor seinem Tod, Sympathie und Güte bewiesen. Wann wir uns sprachen, klang es zusammen. Mein Trauerbrief hat offenbar auch ein starkes herzliches Echo geweckt. Frau v. Zahn sprach ich noch heut vor 8 Tagen, als ich für die Studienstiftung sprach. Damals hofften sie noch.
Die kommende Woche wie die übernächste
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| steht als schwere Last vor mir. Ich habe gar keine physischen Reserven mehr. Am Donnerstag um 2 hat mich der Minister zum Essen eingeladen, um wichtige Fragen mit mir zu besprechen. Wie das auch gemeint ist – Herr Becker hat es nie getan.
Ich lese Manuskripte bis zur Erschöpfung. Außerdem studiere ich Heidegger, wie man eine seltene – aber doch aufschlußreiche Krankheit studiert. Es ist meine Hauptarbeit in diesen Ferien. Trotzdem bin ich bis jetzt nur so weit, wie in den Pfingstferien 1929, d. h. bis S. 200; und 430 Seiten hat das Buch. Natürlich werde ich es wieder nicht schaffen.
Ärgernisse bereitet mir wieder ein Weib, die Studentin Redlich, die zweideutige Gerüchte über mich verbreitet. Die Knaack, nicht viel weniger hysterisch, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ich werde nun durchgreifen.
Die "Ungarische Pädagogische Gesellschaft"
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| hat mich einstimmig "mit Begeisterung" zum Ehrenmitglied ernannt (mit Kerschensteiner)
Frau Seitz schreibt von Besserung und ist zu Hause. Ich bin – nach der Auskunft der Schwester – voll Mißtrauen.
Die neue "Sekretärin" ist z. Z. unbrauchbar. Sie hat nicht weniger als alles durcheinander gebracht. Trotzdem schrieb sie an 5 Briefen u. 1 Postkarte von 10 – ¾ 3. Nun honoriere ich 2 à 60 M pro Monat - und mache alles selbst.
Daß Gans wegberufen ist, ist sehr ärgerlich. Diese "Berufs"-möglichkeiten waren eben auf eine zu schmale Basis gestellt. Es wird sich empfehlen diese Linie nun ganz aufzugeben.
Frau Strasen wird zur Erholung verreisen. Ich denke an Kappel, wo Frl. Silber zufrieden war. Es muß doch ein Höhenort sein, Renate entwickelt sich sehr kräftig, sehr niedlich u. recht intelligent. Heut
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| Nachmittag um 5 zeigte sie mir bei glühender Hitze im Osten – den Mond, wo er in der Tat die letzten Tage zu sehen war (noch nicht 3 Jahre, ganz spontan!) So schauderhafte Hitze, wie in den letzten 3 Tagen, habe ich noch nie empfunden. Seit 3 Stunden ist es unerträglich geworden.
Frau Wittings Mitteilungen lassen fühlen, daß das Glück von Felizitas von innen her gefährdet ist. Meine ahnungsvolle Seele.
Es ist sehr spät. Ich sage für heute: "Gute Nacht"

15.6.
Heut früh kam Dein lieber Brief aus Weimar noch zugewandert.¹) [Fuß] ¹) Du hast mal wieder richtig geahnt. Ich grüße Dich herzlich
Dein
Eduard.