Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. August 1930 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

2. Aug. 30.
Mein innig Geliebtes!
Es ist mir besonders schwer geworden, so lange nicht zu schreiben, da ich Dich krank wußte. Und nach Deinem heut eingetroffenem lieben Brief ist ja leider immer noch "nicht viel mit Dir los". Die ganzen Heidelberger Verhältnisse sind mir eine Sorge. Denn wie, wenn nun für den Vorstand doch eine Dauerpflege notwendig wird? Es kommt nun jedenfalls die Zeit, wo Du, anstatt einer gewissen Anlehnung, von Deinen Kräften (!?) noch nach unten abgeben mußt. Noch mehr bedrückt mich aber das Gefühl, daß Dein eigner Zustand doch eigentlich in den letzten Jahren allzu oft ungünstig gewesen ist, und daß Dir jede Widerstandskraft gegen die Bakterien fehlt. Deine weisen Ärztinnen scheinen aber nicht gesagt zu haben, was man da tun soll.
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Ich fahre am 8. früh hier ab und treffe mich in München mit stud. phil. Eckart Jacobi. Von dem Zusammensein mit diesem sehr kultivierten jungen Mann hoffe ich etwas. Wir werden abends in der Post sein. Zimmer sind zugesagt. Wo ich nach den gemeinsamen 8 Tagen hingehe, ist unbestimmt. Aber die ganze Gegend ist belegt: bei Wittings: Lenzens und Frau Hildebrandt: in Elmau: Nieschlings Schwester. in Mittenwald: Penck u. Frl. Lampert. in Wolfratshausen: Heyses. Ich habe deshalb kein Programm, um ausweichen zu können.
Das Semester war nicht schön. In der Vorl. blieb das sehr gelichtete Häuflein (höchstens 400) bis zum Schluß mit Anteilnahme. An dem Aufbau der Sache war etwas mißglückt. Im Proseminar hatte ich von Anfang bis zuletzt Disziplinschwierigkeiten. Nur das Pestalozziseminar stand auf besonderer Höhe und verlief harmonisch. (Ebenso der Studentenbund.) In der Fakultätspolitik kamen zum Schluß noch mein Fach betreffende politische
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| Dinge. Vorläufig hält die Fakultät stand, z. T. fester als ich. Aber es hängt eben doch alles vom 14. September ab. Und was ist da zu hoffen?
Frau Seitz ist zu Hause, es geht etwas besser. Sie wollen nach Gastein gehen. Frl. Wille hat sich erheblich eingearbeitet und ist vor allem persönlich sehr angenehm. Sonst hat der weibliche Teil der Hörerschaft mich in manchem wieder schrecklich gequält. (Mauck, Redlich, Philomena etc.). Ich werde allmählich hart.
Es ist so bodenlos viel noch aufzuarbeiten, daß es garnicht zu bewältigen sein wird. Aber dann ist wieder die Ferienruhe beeinträchtigt.
Auf Susannes Rückkehr heut Nachm. hatte ich mich gefreut. Stattdessen erschien sie gestern um 3 unangemeldet, in einem mir sehr wenig passenden Moment. Sie lernt doch nie, mich zu behandeln u. hat gar kein psychologisches Fingerspitzengefühl. Ich mußte sofort weg, weil ich mich (am 1. Ferientag) mit Nieschling für die Ausstellung "Alt-Berlin" verabredet hatte.
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| Das gab dann einen sehr harmonischen Nachm. Nachts habe ich aber noch weitergearbeitet - für einen fremden Hilfesuchenden, dem ich jedoch nicht helfen kann. Morgen treffen S. und ich uns mit Morgners in Potsdam. Montag werde ich im Auto nach Buckow geholt, um in einer Jugendherberge Vortrag mit Diskussion zu halten.) Nachm. bin ich aber schon wieder da.
Von Wörlitz habe ich wohl schon geschrieben? Die furchtbar vielen Einzeldinge belasten mein Gedächtnis so.
Frl. Silber werde ich gerade vor m. Abreise noch sehen. Dora Th., die befriedigt v. d. Insel Wight schreibt, nicht mehr. Felizitas hat einen schweren seelischen Stoß bekommen. Hoffentlich kann ich ihr ein wenig helfen.
Frau Ulisch konnte ich auch in einer direkt vorgetragenen Notlage helfen. Dem Buchhändler Maaß habe ich zur Erweiterung seines Geschäftes 2000 M geliehen (alte Freundschaft.) Das Dach muß ich noch einmal nachsehen lassen. Bei den furchtbaren Regengüssen war die Decke im 1. Stock und im Dachzimmer wieder feucht.
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Frau Clauß habe ich nicht gekannt. Hier kennt sie niemand. Es freut mich, wenn ihr meine Schriften etwas waren.
Frl. Geppert war letzten Sonntag zu Mittag hier, nachm. fuhren wir nach Potsdam. Alles ganz hübsch, wenn es nicht so halbe Pflichtsachen wären.
Im Seminar ist in gewalttätiger Weise eingebrochen worden. (zum 2. Mal dies Jahr.) Gestohlen wurde bei uns nichts.
Wenn ich noch irgend Zeit habe, sende ich Dir den Stoß Briefe etc. Für heut muß ich aber Schluß machen mit diesen "Gedankentropfen." Ich bin körperlich ganz gesund; aber psychisch furchtbar erholungsbedürftig.
Fahre oft, aber nicht allein, auf den Königstuhl.! Frau Strasen wird wohl um den 9./10. durchkommen. Ob Du Zeit für sie hast? Ev. direkte Verständigung nach Kappel, Hotel Stern.
Viel innige Grüße u. Wünsche
Dein
Eduard.