Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. August 1930 (Mittenwald)


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Mittenwald (Post), den 11. Aug. 1930.
Mein innig Geliebtes!
Deinen lieben Brief durch Frl. Silber und den nach hier gerichteten habe ich mit Freude empfangen. Wir sind Freitag Abend in strömendem Regen hier eingetroffen. Er hat, mit einigen Unterbrechungen, auch gestern und vorgestern gedauert; nach wirklicher Besserung sieht es heut noch nicht aus. Ich wohne 1 Treppe mit Balkon nach dem Karwendel, in demselben Zimmer wie vor 3 Jahren. Eckart Jacobi ist ein angenehmer Begleiter, von klassicher Ruhe und Sicherheit - eben ein Portenser. Der Befund an meinem Kräftezustand ist nicht gerade beglückend. Ich habe den gestrigen Weg nur mit stark revoltierendem Herzen gemacht, und die Verdauung will mit großer Vorsicht behandelt werden. Gestern fuhren wir per Post nach Einsiedeln am Walchensee, wo ich unserer Feier von 1928 natürlich lebhaft gedachte. Wir gingen dann am rechten Seeufeer in 3 Stunden bis zu dem wunderschönen Dorf Jachenau. Den gleichen Weg mußten wir auch zurück wählen. Es kamen also fast 6 Stunden heraus. Dabei war ich das Opfer eines geogr. Irrtums geworden: da ich den Maßstab
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| der Nebenkarte erwischt hatte, war alles doppelt so lang wie berechnet.
Über Weiterreise u. Rückreise habe ich noch keine festen Pläne. Nur möchte ich mich sehr gründlich seelisch u. körperlich aufmöblieren. Denn im Semester war es doch wiederholt an der Grenze vom Zusammenbruch. Und am 8.IX. muß ich zu Hause sein. (Am 14.IX. sind Wahlen, die s. Z. Deine Pflichttreue allerdings nicht mobilisierten.) Der Weg über den Westen könnte notwendig werden, da Kerschensteiner wieder krank ist und morgen nach Badenweiler ins Sanatorium geht. Das Fieber weicht nicht. Sollte es dort nicht besser werden, so will er nach 4 Wochen nach München zurück, "um dort das Weitere abzuwarten". Bei dem Ernst der Lage würde ich ihn ganz gern in B. eine Stunde sehen. Aber nur dann, wenn keine erhebliche Besserung eintritt. Denn der Umweg kostet mir die sehr nötigen Tage mit Höhenluft. Du besuchst mich hoffentlich Anfang Oktober eine Woche in Berlin, wenn Du von Heidelberg fortkannst. Inzwischen erholst Du Dich hoffentlich trotz des wenig einladenden Wetters täglich und merklich. Die Servierdame fragte lebhaft nach Dir. Und alles erinnert mich an unser Zusammensein hier. Heut oder morgen fahre ich nach P. Für heut nur diesen kurzen Gruß <li. Rand> und viele treue Grüße [über der Zeile] Wünsche Deines
Eduard.

[re. Rand] Was fehlt Mechtild?
Bei der Abreise war wieder etwas Neigung zum Gelenkrheumatismus.