Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15./16. September 1930 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 15. Sept. 30.
Mein innig Geliebtes!
Obwohl der Ausfall der Wahl vor die stärksten realpolitischen Schwierigkeiten stellt, empfinde ich ihn als eine ungeheure Befreiung. Es ist zum 1. Mal seit 1920 eine impulsive Volksbewegung - natürlich instinktiv, brutal, ziellos – aber doch fort von der Sozialdemokratie mit ihrem kleinbürgerlichen, ideallosen, bequemen Geist, dem wahren Geist des Durchschnitts und der Ideenlosigkeit.
Auch wir haben nicht eigentlich mit dem Volk empfunden. Unser Mann vertritt eine Bildungspolitik; aber die Abstimmung kann nicht zur Bildungspolitik führen. Sie bringt elementare Sehnsüchte heraus. Wohl uns, wenn dann die Führer Bildung und Verantwortung haben. Dieser
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| Wahlausgang sagt mir, daß das deutsche Volk noch lebt. Und er ist so kraß, so unerwartet, daß man sich davon schon etwas versprechen darf. Diese Nationalsozialisten sind noch völlige Neulinge; um so besser. Mit der Bedächtigkeit der letzten 12 Jahre haben wir nichts erreicht. Versuchen wir es einmal an der Grenze. Wenn Wahlverfahren den Sinn haben, das Volk zu befragen - diesmal hat es dann doch eindeutig gesprochen.
Der Zufall fügte es, daß gerade heut ein Student mich besuchte, der seit kurzem Nazi ist. Er hat sich einfach für den Besuch gemeldet. Anscheinend alter Adel - von Hellborn -; so viel sehe ich bald, daß das alles noch undurchdacht ist. Aber gut, daß Leute von "Gesinnung" nun einmal genötigt werden, die großen Fragen zu
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| durchdenken.
Hindenburg tut mir leid. Er erfährt, daß man mit der "Mäßigung" das Volk nicht bekommt. Ich fürchte fast, er wird nun abtreten. Denn die Zeit des Vermittelns scheint in der Tat vorbei.
Ich danke für Deine beiden lieben Briefe. Ebenso für die Mitbringsel in Heidelberg. Meine Vermutung, Frau Arnthal sei in Karlsruhe eingestiegen, war Hellseherei. Denn seit Darmstadt saß sie wirklich drin. Seit dort war auch der 2. Vors. des Deutschen Hochschulverbandes im Zug, mit dem ich zu Abend aß. Am Anhalter Bhf. war auch der 1. Vorsitzende, Tillmann, mit dem ich dann für den nächsten Tag gleich eine Besprechung verabreden konnte. Die Müncher Konferenz (21./22.IX.) wird vielleicht
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| nach Würzburg verlegt. Da die Verbindungen dorthin schlechter sind, profitiere ich eigentlich nicht viel.
Ich bin stark in der Arbeit. Aber es ist eigentlich lauter Zeug, das mir gleichgiltig ist. Diese subalternen Verpflichtungen sind es, die mich um die Spannkraft bringen. Die Zeit ist zu ernst, um eine Neuauflage der Jugendpsychologie zu machen. Aber ich bin nicht genug auf der Höhe, um wirklich produktiv zu sein.
Merkwürdig ist mir, daß ich von Frau Witting noch keine Zeile erhalten habe. Ob etwas verloren ist? Felizitas hat sich jedenfalls in der Mutterschule angemeldet, und von Frl. Lampert habe ich einen langen Brief.
Frau Rohde ist am 2. Tage nach meiner Ankunft nach Spandau "abgereist." Frl. Rauhut betreut mich,
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| und zwar ganz ausgezeichnet. Frau Strasen ist seit 8 Tagen im Begriff, an Zahnschmerzen zu sterben - Ausverkauf zurückgesetzter Gegenstände.
Bei Exc. Seitz war ich am Donnerstag zu Abendessen. Sonst ist hier noch eine wohltuende, fast unwahrscheinliche Stille. Frl. Wille schreibt in 2 ½ Stunden 5 Briefe. Der aufgelaufene Stoß war nicht so groß, wie sonst; ich bin in 1 ½ Tagen ziemlich durchgekommen. Jetzt ist es schon ziemlich spät. Ich will mal Schluß machen. Was ich morgen schreibe, kannst Du hoffentlich besser lesen.

16.9.30.
Ich finde es widerlich, wenn demokratische Zeitungen über den Wahlausfall schimpfen. Das ist doch nun einmal der Sinn der Volksbefragung, daß es seine Meinung äußert, so klug oder so dumm sie ist. Diese Meinung lautet: wir haben immer noch mehr Vertrauen zu den nationalsozialist. Führern,
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| die wir nicht kennen, als bis zum bisherigen System. Ich fände es auch unerhört, wenn man jetzt wieder bloße Koalitionsarithmethik machte, wenn also z. B. die Wirtschaftspartei, die gegen den Sozialismus gegründet ist, mit den Sozialdemokraten in eine Regierung ginge. Nur wenn sie dies täte, käme eine Majorität der Mitte heraus.
Sonst habe ich meinem gestrigen Schreiben nichts hinzuzufügen. Ich arbeite nach Kräften. Jetzt will ich Dora Thümmel besuchen.
Laß es Dir weiter gut gehen und sei (nebst dem Vorstand) herzlich gegrüßt von Deinem
Eduard.