Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Oktober 1930 (Berlin)


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16.X.30.
12 Uhr (= 00 Uhr.)
Mein innig Geliebtes!
Eben bin ich mit Felizitas von dem Begrüßungsabend der Deutschen Akademie nach Hause gekommen. Diese Flut von Menschen mit Namen war ihr etwas Neues, und man hat sich freundlich ihrer angenommen. Gestern hat sie früh den Botanischen Garten besucht, um 12 den Rektorwechsel mitgemacht, um 5 mit mir den Funkturm bestiegen und um 8 mit mir 2 ½ Stunden pausenlos "Rheingold" gehört. Morgen werden wir der Eröffnung der Ausstellung "Die gestaltende Frau" beiwohnen und zusammen in der Stadt essen. Am Sonntag werde ich nach Oberschlesien abfahren. Ich kann Dir aber nur die Adresse für Bautzen vom 23.-25.X. angeben: Hotel Kaiserhof. Am 26.X. wird voraussichtlich Taufe in Breslau sein, u. dann ist die höchste Zeit fürs Semester. Geleistet ist in den ganzen Ferien nichts.
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Aus der letzten Zeit ist meiner Karte nachzutragen, daß Oesterreichs alle 3 ein paar Tage in Berlin waren und mich - unter feierlicher Schonung meiner Zeit - zum Kaffee besuchten. Es ging ohne Zwischenfall. Ich habe nun Caecilie einmal gesehen. Sie hat mir recht gut gefallen. Ein kindlich offenes und ernstes Gesicht, bescheiden und doch sicher. Weit sympathischer als aus der Entfernung. Schwierige Dinge wurden nicht berührt.
Freienwalde war kein Ruheposten. Ich habe in den 3 Tagen mit je 7 Stunden Sitzung die Leitung, glaube ich, geschickt geführt. Die Tagung stand sehr hoch, legte für die arbeitende Frauenwelt [über der Zeile] 36 Teilnehmerinnen ein wahrhaft glänzendes Zeugnis ab und hat mir viel gegeben. Den Abschluß bildete wieder eine musikalische Abendunterhaltung im Schloß, die der Landrat bot. Infolgedessen mußte ich mit dem Landratsauto nach Berlin. Ich fuhr um ½ 11 ab und war um 12 in Dahlem; unterwegs
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| stieß ich noch auf Gruppen von Reichstagsdemonstranten.
Der Wein ist sehr gut angekommen. Er hat wieder seinen interessanten Geschmack. Ich danke Dir herzlich dafür.
Du beklagst Dich nicht ohne Recht über mein seltenes Schreiben. Ich kann nicht einmal Besserung geloben. Denn im Semester wird so viel Arbeit sein, daß ich heut noch nicht weiß, ob ich überhaupt durchkomme. Ich bin eben doch gealtert, und es geht mir nicht mehr leicht von der Hand. Ich kann ja Karten schreiben mit kurzen Tatsachen. Aber ich kann Dich nicht mehr in den Zusammenhang der hiesigen Vorgänge und meiner oft sehr trüben Eindrücke versetzen. Du lebst für mich in einer Insel - wenn auch nicht der Seligen - so doch der vom Pulsschlag der Zeit Unbehelligten. Ich freue mich, daß Du spazieren gehen kannst. Aber die Welt brennt. Wer weiß, ob nach 1 Jahr noch etwas steht von dem, was in unserer Jugend stand. Man kann das brieflich nicht auseinandersetzen. Und eben deshalb - was darf man sagen, was soll man schreiben? In mir ist
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| alles wie zugeschnürt. Wir sind an einem toten Punkt, wo nur die Explosion hilft - und jeder fürchtet sich vor ihr, weil er den Krieg noch in Erinnerung hat. Aber fast ist mir, als ob noch Schlimmeres folgen müßte. Es kommt nicht, weil jeder es fürchtet. Aber solange es nicht kommt, ist faule Stickluft. Ich kann zu niemandem mehr reden. Habe das auch Frau Witting gesagt. Mir kommt es vor, als ob wir träumend am Abgrund stünden. Man müßte die Hand am Steuer halten. In dieser Kunst bin ich noch nicht geschult. Ob ich es können würde? Aber die Reichenauromantik hat ja dies Inselhaft-Sichere. Nur steht das alles vorm großen Brand. Und darüber kann ich mit niemandem reden. Sonst kann man ja von allem Möglichen erzählen. Aber es ist nicht zeitgemäß. Und Du bist garnicht im Zusammenhang, eben weil ich schon in Mittenwald nicht mehr reden konnte, wobei über mich zu reden mir eben nicht lohnte,
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| das andere aber einen blutigen Realismus fordert, von dem man nicht spricht, also auch nicht schreibt. Es ist die Zeit der Erdbeben. Du sollst nicht meinen, daß mein Schweigen einfache Achtlosigkeit wäre, und dadurch Dein Befinden alterierte. Unser Befinden wird bald sehr gleichgiltig sein. Zeit zum Schreiben wäre natürlich auch immer. Aber man schreibt an Menschen, mit denen man letzte Bindungen einging, nicht über Vorvorletztes. Ich rate Dir: beschäftige Dich mit den Zeichen der Zeit. Lies Modernes, nicht Gobineaus Renaissance, verfolge eine ordentliche Zeitung und laß die Günthers und Adeles ihren Strich ziehen. Auch ich mache alles, was kommt, mit der Anwesenheit eines Viertels meiner Person. Überall wuchtet Weltenwende, die das Reden (gottlob) tötet.
Von hier aus gesehen, ist es nebensächlich, daß ich nicht weiß, wie ich die Last der Arbeit im Winter schaffen soll. Das ist ja alles Mußarbeit, und ebendeshalb so drückend, weil
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| sie im Verhältnis zur Zeitentscheidung so absolut belanglos ist. Man müßte am Steuer stehen, und da stehe ich eben nicht, weiß auch nicht, ob ich, vom Kleinkram erdrückt, dafür noch die feste Hand hätte.
Mehr kann ich heut nicht sagen. Es ist vielleicht ganz gut, daß eben das Kind oben haust, das die Gedanken abzieht. Vielleicht ist aber auch alles unerträglich, was die Gedanken abzieht. Denn die Gedanken sind leer, wenn sie nicht Zeitdenken sind. Und was das bedeutet, so denken zu wollen, es aber nicht zu können - nun, davon reden wir eben nicht.
Die späte Stunde nötigt zum Abschied. Ich grüße Dich in alter Treue
als Dein
Eduard.