Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. November 1930 (Dahlem)


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Dahlem, den 1. November 30.
Mein innig Geliebtes!
Selten habe ich Dir aus einer so unerfreulichen Situation geschrieben, wie heute. Zunächst wird immer deutlicher, daß sich unsre Berliner Universitätsverhältnisse ad absurdum führen. Obwohl ich arbeite, was nur aus mir und dem Tag herauszuholen ist, bin ich bis heut nicht einmal dazu gekommen, die alten Zettel meiner in 3 Tagen beginnenden Vorlesung hervorzuholen und den Aufbau zu überdenken. Ich habe eben diese Woche 1000 Folioseiten Ms für Promotion u. Staatsexamen lesen müssen und bin damit noch nicht zu Ende. 600 Seiten umfaßt die Diss. v. Jacobi, die doch in ihrer unbewältigten Stofffülle eine Enttäuschung war. So geht es nun in endloser Zersplitterung weiter. Am Sonnabend muß ich in Hannover reden, in der folgenden Woche sind 13 Doktorkandidaten à ½ Stunde von mir zu prüfen. Heut habe ich 5 Stunden
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| Begabtenprüfung gehabt. Frl. Wille ist erkrankt, ein Ersatz noch völlig uneingearbeitet.
In diesen Zustand platzte gestern Abend, als ich von einer 3 ½ stündigen Sprechstunde kam, ein unerhörter Angriff von Krieck gegen mich in Nr. 21. (1. Nov.) der "Freien deutschen Schule". Ich kann die Unterlage nicht entbehren. Die Sache ist so unerhört, daß sofort geantwortet werden muß. Meine Entgegnung ist gleich gestern Abend fertig geworden. Aber zum Unglück ist das neues Heft der Erziehung auch schon ausgedruckt. Bleibt die Sache bis Anfang Dezember, so macht der Angriff natürlich bis dahin seine Runde durch sämtliche Lehrerblätter. Denn da mich die meisten "offiziellen" Stellen hassen wie die Sünde, so ist der Fall für sie natürlich gefundenes Fressen. Um Dir ein Bild von der Tonart zu geben, zitiere ich nur, was er über einen (völlig falsch verstandenen) Satz von mir sagt: "Dieser Satz ist eine Unverschämtheit". Der ganze Lärm des offenbar kranken Mannes bezieht sich auf 2 Anmerkungen von mir, die ihn
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| betreffen, im Höchstumfang von zusammen 18 Druckzeilen. Der Inhalt dieser Anmerkungen aber wird auf meinen Rachedurst wegen eines Artikels von Krieck aus dem Jahr 1920 zurückgeführt, und die ganze Lehrerbildungspolemik von 1920 wird noch einmal aufgerollt, mit dem Ergebnis: alle meine Stellungnahmen seien nichts als Rache gegen Krieck. Revera liegt es umgekehrt: er hat es nicht verschmerzen können, daß er von uns nicht zur Mitarbeit an der "Erziehung" eingeladen worden ist. Wenn das alles sonst nichts bedeutet, kostet es Zeit.
Morgen früh habe ich eine Pestalozzikonferenz, dann einen m. E. überflüssigen Besuch von Ermatinger-Sohn. Montag sind 4 Stunden Staatsexamen. Dienstag Kolleganfang, alles soll schon seit Mittwoch überfüllt sein, obwohl ich diesmal die Aula nicht zur Verfügung habe, weil ich den sinnlosen Andrang zur "Pädagogik" nicht für möglich hielt. Gleich hinterher ist eine ekelhafte Sitzung wegen " Siegfried Bernfeld",
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| den man uns aufnötigen will. Dann Sprechstunde, schon vor ihrem natürlichen Ende sehr wichtige Vorstandssitzung des Zentralinstitutes. Die Post beträgt jetzt pro Tag ca 50 Sendungen. Für das Seminar sind ca 40 Aufnahmearbeiten zu lesen - ich muß um Verzeihung bitten, wenn ich nicht weiß, wie man bei diesem Betrieb nicht verrückt werden soll. Die Frauenzimmer beanspruchen dabei immer verständnislos noch extra Zeit.
Ich kann Dir daher auf Deinen lieben Brief keine vernünftige Antwort geben. Erwähnen will ich nur noch kurz, daß ich ein großes Schutzdach mit Seitenwand für mehr als 300 M für den Hauseingang habe machen lassen, schon um den bei großen Güssen eindringenden Regen fernzuhalten.
Es war meine Absicht, Dir den Aufwertungsbetrag meiner Kriegsanleihe zu überweisen. Es wird mir mitgeteilt, daß 200 M ausgelost sind. Obwohl ich den Betrag noch nicht habe, schicke ich Dir
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| aber erst in den nächsten Tagen - diese 200 M + regelmäßige 100 M. Hoffentlich kommt es nicht zu spät. Meine Einnahmen sind beinahe das Einzige, worüber man bei diesen sinnlosen Zuständen nicht klagen kann. Wallner - das ist auch ein Symptom - war bei mir und beschwerte sich, daß ich der organisierten Linksrichtung nicht genug Widerstand böte. Frau Kerschensteiner schrieb von sich aus sehr besorgt über den Gemütszustand von ihm, der zu Hause unter der Untätigkeit leidet. Frau v. Bülow (Witwe v. Hans v. Bülow) teilt den Tod der Frau Prof. Engel-Reimers mit, die sich bei Lebzeiten um mich nie gekümmert hat, deren Nachlaß ich aber nun betreuen soll - u. so geht es fort.
Sinnlos, sinnlos. Man wird zerrieben. Da muß doch irgendetwas platzen. Man hört es hier auch in allen Balken knistern. Wer weiß, was wird.
Ich breche ab und grüße Dich herzlich.
Dein
Eduard.

[] Mein Täufling in Breslau hat mir sehr gut, ganz besonders gut gefallen.