Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. November 1930 (Hannover, Postkarte)


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Hannover, den 9.XI.30. Nachts 0,15.
M. L.  Nun bin ich also in Hannover, wo ich im "Außeninstitut der T.H." über "Die geistige Lage der Gegenwart" 1¼ Stunde gesprochen habe. Der größte Hörsaal faßt 350 Leute – 100 mindestens standen und 150 sollen nicht hereingekommen sein. Ich habe konzentrierteste Substanz geredet, offenbar überwiegend mit Erfolg. Solche kleinen Reisen werden aber
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| durch eine neue Erscheinung zur Last: Ehe man hinkommt, laden immer 5–7 Leute zum Wohnen u. Besuchen ein. Man muß also (wie ich jetzt schon für Altona 29.XI.) 5–7 Absagebriefe schreiben. Hier waren zur Begrüßung: Frau Dr. Busse-Wilson, Frau Dr. Jeremias, Frl. Dr. Fröhlich, Prof. Hoesch (früher Düsseldorf) Studienassessor Glock, Akademieprofessor Muris u.s.w. Nicht zu rechnen die Kollegen von der T.H. u. Willy Böhm, der nun hier Honorarprofessor ist. Mit denen bin ich bis eben zusammen gewesen. – Meine Berliner Hauptvorlesung mußte ich am Dienstag in der Dorotheenstr. 6 mitten in der Stunde abbrechen, weil die nicht Hereingekommenen randalierten. Gestern, Freitag, habe ich wieder in der Aula angefangen, u. zwar mit mindestens 1300 Leuten. Denn alle 3 Emporen waren stark besetzt. Das Seminar hat auch begonnen. Morgen Sonntag Abend fahre ich schon in den Doktorprüfungen fort. Denn ich habe diese Woche 14 Doktorkandidaten u. 6 Staatsexamenskandidaten. Außerdem muß ich bis 1.XII. 5 Lessingpreisarbeiten lesen und von 52 Leipziger Preisarbeiten wenigstens einen Teil. Gottlob bin ich gesundheitlich gut auf der Höhe. Aber es ist schon ein [li. Rand] bißchen viel. Im Zuge war heut Herr Severing. Der hat – noch mehr Massen <Kopf> hinter sich. Masse – Masse. Aber man muß <re. Rand> doch dankbar sein. Und ich bin es. Hrzl. gute Nacht.