Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. November 1930 (Berlin)


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22.XI.30.
Mein innig Geliebtes!
Ich will mal wieder meine ungeordnete spät-abendliche Erzählung beginnen. Eine ganze Reihe Deiner lieben Briefe ist unbeantwortet, aber immer mit Dankbarkeit und Freude empfangen, so auch der heutige. Der Artikel zum Fall Gumbel, die Wahlresultate, der Bericht über Deine Zeichnungen, der Tod v. Henning (über dessen Nichtbedeutung mir kürzlich jemand - aber wer? - etwas Krasses sagte), nicht zuletzt das schöne Mittenwalder Bild - das alles ist gerade noch apperzipiert; aber es wird mir schon schwer, alles im Kopf zu plazieren, und manchmal wird mir (natürlich nicht wegen Deiner Briefe, sondern wegen all des anderen) ein bißchen angst um die Erhaltung meiner geistigen Gesundheit. Vorläufig halte ich ja stand, durch anerzogene Ruhe von Tag zu Tag. Nur wird es wie beim
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| Schöttlkar: es ist, trotz allen Steigens, immer noch mehr Steigung zu bewältigen. Also Ruhe.
Zunächst der Universitätsbetrieb: die Vorlesung über Pädagogik ist vorläufig stärker besucht selbst als die Ethik im vorigen Winter. Da sitzen nun wirklich 1300 unten und auf den Emporen, übrigens mit tadelloser Disziplin und Aufmerksamkeit. Und bisher habe ich auch gut geredet. Diese Pädagogik ist ja - keine Schulpädagogik, - sondern eine indirekte Rede über Selbsterziehung an die Studenten. Im Seminar über Scheler sitzen doch über 43, anscheinend eine Elite. Bis jetzt geht es gut. Selbst das Massenseminar (Grundfragen des höhern Lehramts) hat ordentlich eingesetzt und kann etwas werden. Wenn man also nichts weiter zu tun hätte, so wäre ja kein Grund zur Klage. Aber Qu. u. M. druckt die Jugendpsych. in immer neuen Tausenden unverändert ab. Es ist kein Gedanke an eigene Arbeit. Die Lessingpreisaufgabe habe ich
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| im 1. Wahlgang (5 Arbeiten = 1000 Seiten) erledigt. Jetzt lese ich 10 Preisarbeiten über den "Wirtschaftlichen Rationalismus u. s. Auswirkung auf den im Wirtschaftsleben tätigen Menschen" (Leipziger Industrie- u. Handelskammer) - mein Anteil 850 Seiten, gleichfalls nur 1. Wahlgang. Die Flut der Prüfungen ist bis auf weiteres vorbei. Heut in 1 Woche rede ich in Altona. Das ist noch eine besondere Anstrengung. Und bis Weihnachten sind nicht mehr viel Stunden frei.
Am letzten Sonntag scheiterte ein Weg mit Susanne am Unwetter. Bußtag war ich auf dem Riehlfriedhof, dann in der Meierei - ebenfalls zum Schluß im Schneetreiben. Das waren die beiden freien Nachmittage.
Eine besondere Angelegenheit, die mich erregt und betrübt (vertraulich!) ist eine Korrespondenz mit Frau Biermann über Rösi. Das arme Ding scheint psychopathisch, mit besonders unangenehmen kleptomanen Zuständen. Wir beraten, was zu tun ist. Ich möchte zunächst das Gutachten eines Nervenarztes (Bumke oder Binswanger
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| habe ich vorgeschlagen.) Eddi Biermann soll davon nichts wissen, weil er leidend ist.
Seit gestern eine neue Wolke. Frau Rohde hat - einen schlimmen Zeh. Das könnte erheiternd wirken. Aber leider tut ihr dieser Zeh nicht weh. Der Arzt nennt es eine Zirkulationsstörung, hervorgerufen durch Verkalkung, spricht von der Möglichkeit operativer Entfernung. Uns beide hat das sehr getroffen. Ich bemerke sonst nichts von einem so fortgeschrittenen Stadium. Hoffentlich geht die Sache harmloser aus. Denn das muß ich bei der Gelegenheit doch sagen: die Frau R. ist ein wahres Gnadengeschenk für mich. Röschen hingegen ist munter, traf mich aber neulich nicht an.
Der Vortrag über "Die geistige Lage der Gegenwart" wird einem deutsch-russischen Kaufmann diktiert u. soll in das Heft der Erziehung, das Litt (im stillen) zum 50. Geburtstag dargebracht wird.
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Einen günstigen Eindruck hatte ich von der Zentrumsabgeordneten Ministerialrätin Helene Weber, die zwar die Freienwalder Verhandlungen drucken lassen will, aber mit entschiedener Dämpfung des sozialistischen Radikalismus. Es gibt also doch noch Schranken.
47 §§ der neuen Fakultätsstatuten habe ich gemacht. Sie gehen nächste Woche ans Plenum (so was macht man nebenbei.) Heut hatte ich Besuch von einem bedeutenden u. zugleich bescheidenem Studienrat Dr. Beyer, den ich allerdings nicht zum Mittagessen bei mir haben konnte (wie ich ihn eingeladen hatte), sondern ins Harnackhaus führen mußte. Dora Th. habe ich mal unangemeldet besucht, aber nicht getroffen. Rudolf Kühne konnte ich noch nicht zu mir bitten. Ebensowenig Erika. Marta Holl bleibt die kleine Sonne in m. Kreis, ist aber entschieden nicht gesund. (wie ich immer ahnte.)
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Vorgestern war ich bei der Hochschulgruppe des Stahlhelms und hörte Seldte reden. Schlicht, klar - aber eigentlich nur innenpolitisch orientiert. Und das ist der Fehler der neusten Bewegung, die immerhin ihre außenpolitischen Wirkungen haben kann; nur darf man nicht vergessen, daß das nicht gekommen wäre, wenn nicht - Stresemann die Zwischenaktsmusik gemacht hätte. Ich wundere mich nicht, daß Du konservativ gewählt hast. Ich würde auch nicht nationalsozialistisch wählen. Aber mit Überzeugung wählen kann ich jetzt niemanden.
Ein paar Kleinigkeiten: Dibelius (leider lange krank!) hat sich den Bernhard gelanzt u. ihm ins Gewissen geredet. Wirkungen sind mir noch nicht sichtbar geworden. Copei hat Aussichten auf Päd. Akademie. Ich habe mein Verhältnis zu dem betr. Ministerialressort durch einen Brief befriedigend geklärt. Überhaupt ist mein Verhältnis zum Ministerium viel besser geworden. Allerdings heißt es heut, daß Grimme "wackelt".
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In Hannover habe ich noch per Auto die Stadt gesehen und Prof. Hoesch (früher Düsseldorf) besucht.
Ob ich nun alles Wichtige erzählt habe, weiß ich nicht. Ja - das Regendach ist fertig und macht sich gut. Aber (guter Zshg!) wer kauft das Akademische Deutschland? Es kostet 240 M. Aber Du kannst es schon heut durch mich für 160 haben. Herstellungskosten ca. 750000 M. Das ist eine edle Pleite.
Am 6.XII ist in m. Seminar Hochschulverbandskommission. 7.XII. Joh. Kiehm. 10.XII. beim chinesischen Gesandten. 16.XII. Vortrag im Lyzeum Club über "Reifezeugnis u. Hochschulreform."
Wir haben 10° Wärme und den obligaten Sturm. Überall ist Hochwasser. Die Welt ist nicht recht in den Fugen. Was geschieht in Rußland? Was geschieht bei uns? Freitag höre ich Auhagen, den besten Kenner der russischen Agrarreform. Man ist immer in großen Fragen. Aber man fühlt doch: die
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| praktische Entscheidung hat, wer schießen kann. Das ging mir etwas durchs Mark neulich bei den Stahlhelmern mit den verhungerten jungen Idealisten. Kommt das noch einmal hoch - die Front? Es hat fast etwas Gespensterhaftes. Aber es pocht an die Schwelle - und mit der Sozialdemokratie jedenfalls geht es bergab. Das ist schon etwas. Der soziale Geist darf nicht sterben. Aber er sieht anders aus als die Sozialdemokratie. Das dringt doch jetzt durch.
Verzeih mir diese "Gedankenflucht". Sie haben doch ein Zentrum auf Dich hin. Das wirst Du fühlen durch all den Kleinkram hindurch. Gute Nacht!
Dein Eduard.

[] PS: Man vergißt wirklich das Wichtigste: Nicolai Hartmann ist berufen. Daß wir das nur aus der Zeitung wissen, ist nicht schön. Aber er hat mir einen sehr wohltuenden Brief geschrieben, ich habe ebenso geantwortet und die ganze Sache hat mehr Sinn als Heidegger.