Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. November 1930 (Altona, 2 Postkarten)


30.XI.30.  M. L!  Vor 3 Stunden bin ich von Altona gekommen u. fand - unter vielem - mit Freude Deinen lieben Brief. Die Tischlampe bitte ich mir "in Zahlen" anzugeben. Die regelmäßige Sendung folgt in den nächsten Tagen. Die letzte Woche war kein Ruhekissen. Der Vortrag über Rußland dauerte 2¼ Stunden u. war sehr instruktiv. Ich kam aber mit den Vorbereitungen für Altona ins Gedränge. Am Weekend ist man in Berlin ohnehin müde. Schon am Bhf. faßte mich O.Stud.Dir. Merck, den
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| ich nach Harburg gebracht habe. Den Griechen Exarchos, m. Übersetzer, konnte ich abwimmeln. Im Saal, modernste Sachlichkeit, aufdringliche Farbe, Deckenecho beim Sprechen, wackliges Pult, mit schlechter Beleuchtung ("technisch" excellent); Bühne hinter mir voll besetzt, vorn ca 900 Leute. Ich sprach (Kulturkrisis u. Erziehung) 1 Std. 20 Min. erst sehr gehemmt, dann packend. Das kühle Hamburg (wie die Lüftung auch war) gab einen frenetischen Beifall, wie ich ihn selten erlebt habe. Hinterher zusammen in m. Hotel mit alten u. neuen Bekannten (Akademiedirektor Weniger, Nohls Doublette, Flitner, Glinzer, unser Kittel, (Du weißt) jetzt Dozent in Altona. Schulräte (Götze), Exarchos u. viele sonst. Ende 12, für mich (da ich noch essen mußte) ½ 1. Heut früh 7 Uhr aufgestanden. ¼ 9 Besuch von Matthies u. - mit unnötiger Verspätung von 20 Min. - Tietjens. Um ¼ 10 holte mich Flitner in sein Haus nach Kl.-Flottbek, dort 1 Stunde (4 Kinder), Merck holte mich mit dem Harburger Ratsauto, in 40 Minuten nach Harburg. Besuch beim Direktor Schadow (Urenkel des Bildhauers) Rg., dann bei Merck in der Kerschensteiner-Oberrealschule
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| (diese Doppelschule vermutlich die schönste Schule Deutschlands (4 ½ Millionen, herrlich). Der Oberbürgermeister Dudek (Sozi) kam auch aus alter Freundschaft für mich, da ich beide Direktoren empfohlen habe.) Um ½ 2 wieder im Auto nach Hamburg. ½ Stunde bei Frl. Glinzer. Um 3 im F.D. nach Berlin. Jetzt mäßige Vorbereitung für morgen, für meine immer noch 1100 bis 1200. - Frau Rohde - Fehldiagnose. Stimmung ebenso nach oben wie vorher nach unten. Gottlob.
Fall Biermann Dir in den Grundzügen bekannt. Plane Fahrtunterbrechung in Heidelberg. Tapfere kl. Frau. Morgen Handelshochschulprofessor Feld (von mir nach Berlin gezogen) Dienstag Hartnacke, Oberschulrat in Dresden; Sonntag Tante Kiehm. 16.XII. Vortrag im Lyceumklub. Brief v. Seitz, nun Behandlung in Frkt/Main. Frau Kerschensteiner meldet beglückt Besserung. Dora Thümmel 2 Mal nicht getroffen. Auch Frau Kühne nicht (alles
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| per Auto natürlich) Letzten Sonntag Besuch bei Frau Roethe.
Das sind wohl die wichtigsten Stichworte. Unser stilles Lenzkirch!! Ich muß der Hermine Klaiser was schicken. Frau Matejat ist auch von ihrer Tochter, m. Milchschwester, meiner Fürsorge anvertraut. So im Telegrammstil muß man heut leben: Tagung Reichenau für 8.-10. April 1931 festgelegt, allerletzter Termin. Innigste Grüße Ed.
[re. Rand] Herzliche Grüße an unsre <li. Rand> unternehmungslustige Freundin.
[li. Rand S. 2] Ehrenvolle Einladung nach Amsterdam abzulehnen.