Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. September 1930 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Sept. 1930.
Mein Liebstes,
Du hältst zwar nichts von meinen Photographien, aber ich bin großzügig und schicke Dir hier doch eine! Gibt sie nicht wundervoll die Abendstimmung in der weiten, ebenen Leutasch? umschlossen von den ernsten Bergwänden, zu Füßen die Wiese voller Herbstzeitlosen, die stille Kirche mit der armseligen Friedhofsmauer und in der Ferne, alles abschließend die leuchtenden Berge des Karwendel in prachtvoller Klarheit – du kannst mit der Lupe unsern Weg ganz deutlich verfolgen. – – Hier endete mein Vorstoß zur "Donnerrose".
Hab Dank für Deine Karte aus Würzburg. Aber die Rücksichtslosigkeit, Dich ohne Nachricht zu lassen, hat mich schwer geärgert. So ist die Sache ungemütlich und unnötig zeitraubend für Dich geworden. –
Wir erwarten am 6. Okt. (das ist der Todestag meines Vaters!) meine Schwester Anna hier für 3 Tage. Du wirst zwar „keinen Wert darauf legen“, aber ich freue mich.
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| "Vermutlich fängt dann gerade die "für den ganzen Winter" angekündigte Arbeit bei Prof. Seidel an. Nun – je mehr, je besser!
Vorläufig habe ich noch möglichst die sonnigen Stunden benutzt, im Freien zu sein. Am Montag, als Du in Würzburg Sitzungen hattest,* [li. Rand] nein, acht Tage früher! ging es mit Adele, zwei Schwestern Mathy und Frl. Dr. Schwarz ins Mausbachtal, diesmal beide Wege zu Fuß. Am Sonntag an die Bergstraße Auerbach-Melibokus, Felsberg – und am Mittwoch SchauenburgStrahlenburg im Vorgefühl der Weinernte. Das ist jetzt die Zeit der frischen Nüsse, der "Käschte" und der Trauben. Hoffentlich werden auch die unsern reif, dann bekommst Du die schönsten. Du hast sie bestellt, sonst hätte ich garnicht den Mut, welche zu schicken.
Am nächsten Sonntag soll ich Dr. Günther auf dem Kümmelbacher Hof besuchen. Er arbeitet dort mit einem Primaner aus Neckargemünd "Grammatik". Die Prüfung ist demnächst und dann wird es nicht mehr lange dauern, bis er sich in Berlin bewirbt. Ich denke, der Vorstand wird am Sonntag mitkommen. Sie möchte den Kümmelbacher gern auch mal in der neuen Aufmachung sehen.
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Mit großer Anteilnahme lese ich Briefe von Vincent van Gogh. – Und dabei fällt mir ein, daß ich Dich um ein Exemplar der "Lebensformen" bitten darf, das Du mir verheißen hast. Ich sollte Dich erinnern. –
– Kennst du einen Werner Schultz in Hamdorf, Kreis Rendsburg, der in den Goethe-Schriften des letzten Jahres Humboldt als "faustischen Menschen" behandelt? – Aenne fing an, mir den Aufsatz vorzulesen; er ist mir aber schwer erträglich und noch weiß ich nicht, worauf er hinaus will. Jedenfalls ist er klüger als alle Vorgänger auf dem Gebiet, du natürlich eingeschlossen! – – - –
Von Adele habe ich mir das dicke Buch über Amerika wieder geholt, an das mich die beiden Pfaffen in dem Arlbergzuge erinnerten. Der Verfasser – ein Franzose mit Namen André Siegfried – schildert äußerst einleuchtend die schwierigen Probleme mit denen Amerika jetzt zu tun hat.
Überall die Welt voller Probleme! Da greife ich besonders gern immer wieder zu der
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| Schmidt-Ottschen Festschrift, in der man wie an der Hand eines sicheren Führers durch das Chaos wandert.
Und was sagst du nun zu Hitler? Eine bessere Gelegenheit, wirksam vor die Öffentlichkeit zu treten, konnte ihm der Staat ja garnicht bieten. Aber was dann sein soll, wenn sie den Staat erobert haben – das sieht man nicht. Und doch, man freut sich der reinen, guten Kräfte, die sich kundtun. Möchten sie den richtigen Weg finden.
So wollen wir hoffen!
Wie ist Dein Befinden? Hast Du noch etwas Arbeitsruhe gefunden? Ich hörte so gern Gutes. Sei mir innig gegrüßt und denke noch manchmal an das schöne Mittenwald und
Deine
Käthe.