Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Dezember 1930 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Dez. 1930.
Mein Liebstes,
gestern zögerte ich mit dem Schreiben, da ich immer auf die Antwort von Frau Koch wartete, die ich Dir gleich weitergeben wollte. Es kam aber nichts. Als ich jedoch [über der Zeile] heute gegen Mittag nach Hause kam, fand ich sie selbst bei Aenne, da sie gelegentlich einer Verhandlung in Mannheim hier kurzen Aufenthalt machte. Leider ist ihre Antwort verneinend ausgefallen. Sie sagt, daß auf dem Heuberg keine passende Gelegenheit zur Anstellung ist. Als "Tante" wäre niemand da, der genügend Aufsicht üben könne. Als Schülerin für die Fortbildungsabteilung wäre sie wohl in ihrer eignen persönlichen Nähe, aber dafür zu alt und es wäre ja auch nicht, was sie an Beschäftigung suche. Wollte man sie gewissermaßen als überzählige Kraft zulassen, so wäre das nur etwas Halbes. Es bedürfe dann einer besonderen Erlaubnis und wäre wohl nur gegen Pension möglich (etwa wie die Kinder zahlen, tägl. 3 M). Überhaupt hätte eben niemand die Zeit
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| zu so eingehender Beobachtung des Einzelnen. Ob man nicht einen Psychiater oder einen Heilpädagogen zu Rate ziehen wolle?
Leider war unsre Unterredung etwas gestört, da ganz kurz nach mir eine Freundin von Frau Koch kam, um sie abzuholen, die sich mit dem Vorstand gleichzeitig im Zimmer unterhielt. Vorher hatte Aenne uns allein gelassen. - Alles in allem aber schien Frau Koch keine Möglichkeit zu sehen, und bat mich, Dir dies mitzuteilen. -
- Ehe ich heute fortging kam der Briefträger und brachte mir Deine treue Sendung. Habe vielen herzlichen Dank und ganz besonders auch für die lieben zwei Karten mit dem Bericht von Altona. Mir wird immer schwindlig, wenn ich höre, wie sich die Ereignisse bei Dir jagen. Dein Bericht zeigt aber, daß sich bei Dir alles klar und geordnet - auch in der Erinnerung - aneinanderreiht und daß Deine Besorgnis in der Richtung nicht begründet ist. Daß Du vielleicht auch mal irgendetwas vergißt, wäre nur natürlich, aber wird kaum vorkommen.
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| Wohl aber hast Du das Recht, Unwichtiges auszuschaltenl!
Eine große Erleichterung ist es nur, daß das mit Frau Rohde ein Schreckschuß war. Recht überflüssig natürlich, aber doch besser als wenn die Diagnose richtig gewesen wäre.
Hier bei uns hat sich garnichts ereignet. Die Zeichnungen haben ein Ende, der Betrag ist noch nicht angewiesen. Aber Herr Prof. Seidel plant, mir die Handhabung des Augenspiegels beizubringen. Ich habe schon zweimal an Patienten geübt, fühle mich aber noch recht unbeholfen. Das Schwierige ist für mich nicht der Apparat, sondern das Dirigieren des Patienten, der immer mit dem Auge herumflunkert.
- Am Abend als Du in Altona sprachst und ich mit Sehnsucht dorthin dachte, waren der Vorstand und ich unserm Winter zu Gefallen im Theater. Es war eine sentimentale Operette von Lehar, die allgemein sehr bewundert wird. Herr Frank war weitaus der Beste und hat eine angenehme Stimme, aber so leicht gehe ich nicht wieder
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| zu solcher Sache. Man ist als seltener Theaterbesucher eben zu anspruchsvoll.
Hoffentlich aber findest Du meinen Weihnachtswunsch nicht auch anspruchsvoll! Du mußt denken, es ist eben ein unbedingt notwendiger Gegenstand. Die Lampe soll 15 M. kosten.
Heute schneit es zum erstenmal. Aber es taut gleich wieder. Aenne ist zum Jugenkranz der 70rinnen! Immer mobil, aber oft etwas jammernd. Daß es Kerschensteiner besser geht, ist eine große Freude. - Von Frau Ottilie Hildebrandt bekam ich eine Dankkarte für meinen Gruß aus Lindau!
Doch Deine Geduld ist zu Ende. So will ich nur noch viele, viele Grüße senden und Dir wünschen, daß Deine Arbeit Dich befriedige. Bleibe nur gesund, dann bist Du Herr der Sache!
Wie immer
Deine Käthe.