Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Januar 1931 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 5.I.31.
Mein innig Geliebtes!
So etwas von Regen habe ich selten gesehen, wie zwischen Heidelberg und München, außerhalb, aber auch innerhalb des Wagens. Ich war die ganze Zeit allein im Abteil. 5.57 in München (bei nassem Schneefall) angekommen, nahm ich mir ein Auto zu Kerschensteiner. Ich fand sein Aussehen nicht einmal schlecht; aber er ist temperamentloser und ernster geworden. Nur 10 Min. konnte ich bei ihm sein. Draußen gestand mir seine Frau, daß der Arzt - ihn aufgegeben habe. Mit diesem Eindruck fuhr ich weiter. Ganz knapp erreichte ich den Zug 6.50. Im Gebirge fiel ein nasser Schnee. Felizitas war an der Bahn; Hans transportierte uns im Riesenauto zur Pension. Frau W. freute sich.
Heute ist alles beschneit. Aber die durchdringende Sonne stiftet schon wieder Tauwetter im Tal. Seit 14 Jahren war ich
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| nicht im Winter hier. Auch jetzt geschieht es mit gemischtem, überwiegend unzufriedenem Gefühl. Ich habe die Fähigkeit zur Leichtlebigkeit allmählich völlig verloren. Überallhin begleiten mich die Gewichte.
Bei all Deiner treuen Fürsorge für mich hast Du das Wetter nicht bessern können. Auch Uhrkette haben Ew. Gnaden vergessen, was ein ebenso schlechtes Licht auf Dich wie auf mich wirft. Am besten schickst Du sie jetzt - mit Rechnung - erst nach Berlin.
Felizitas sieht "welk" aus. Sie ist aber im Wesen munter. Wir sind eben eine Stunde spazieren gegangen. Heut soll einmal nicht gearbeitet werden.
Ich schreibe daher auch Dir nur diese wenigen Zeilen, in die ich meinen innigen Dank für alle Liebe und Hilfe zusammenfasse. Bitte grüße den Vorstand herzlich.
Auf der Rückfahrt hoffe ich noch einmal auf ¼ Stunde zu Kerschensteiner zu können.
Viel innige Grüße u. Wünsche
Dein
Eduard.

[] Im Hause ist eben eine Frau Bolza angekommen.