Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Januar 1931 (Berlin)


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17.I.31.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin längst wieder in vollem Betriebe und erfreue mich in vollem Umfang der Schonungslosigkeit meiner Freunde. Seitdem ich wieder das normale Maß der Belastung habe, geht es im wesentlichen besser. Es ist kein Grund zu Besorgnissen. Der unsagbar mühselige Scharnhorstvortrag ist erledigt, mit fühlbarem Erfolg und Anerkennung von ein paar Leuten, die ich sprach, wie Franke, der <unleserliches Wort> ein hochachtungsvolles Urteil des Generals von Watter berichtete. Aber vielleicht war diese Plage - unnötig wie ein Kropf. Heut bin ich um 6 aufgestanden, nach Leipzig gefahren, und dort sind nun auch die Leipziger Preisarbeiten völlig in meinem Sinne erledigt worden. Wieder ein Druck von der Seele. Aloys Fischer war auch in Leipzig. Ich konnte nur noch Bernhard
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besuchen. Seit ½ 9 bin ich wieder hier. Jetzt würden nur noch die regelmäßigen Lasten laufen, wenn mein Versuch gelingt, den Jüterboger Vortrag vom 3.II. auf den 10.III. zu verlegen. Dr. Brosius ist seit gestern zu m. Entlastung an der Grippe erkrankt. Als ich Dienstag bei Grabel mit ihm Mittag aß, traf ich dort den Prinzen Louis Ferdinand, der leider jammervoll aussieht. Zwei weitere traurige Fälle sind zu berichten: der Neffe von Frau Seitz, Sohn ihrer Schwester v. Glasenapp, ist durch Selbstmord geendet - mir unbegreiflich. Prof. Günther Holstein, ein mir nahestehender Jurist in Kiel, ist mit 38 Jahren am Schlaganfall gestorben.
Von Partenkirchen muß ein Packet eingetroffen sein. Der Rest der Bücher ist von hier abgesandt. Das Packet mit der Uhrkette ist noch nicht eingetroffen.
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In Leipzig bin ich bei Schneesturm mit seltsamen Reminiszenzen durch ein paar Straßen. Was ist Zeit und Zeitlosigkeit?
Kerschensteiner habe ich noch einmal eine Viertelstunde gesehen. Er war sogar auf, aber dadurch wurde der Verfall nur noch sichtbarer. Er leidet darunter, daß ihn - Aloys Fischer, der 2 Minuten entfernt wohnt - in der ganzen Krankheitszeit nur 2 mal besucht hat. Über mein Kommen hatte er Freude. Sie fuhr mit mir an die Bahn und erzählte mir - daß nichts zu hoffen ist.
In Mittenwald (Café Isarlust) war ich noch ein 2. Mal, alleine und still. Auf dem Wege von Klais erschien unser Gebirgsstock erst in rotem Schnee, dann bleiern, aber tief eindrucksvoll. Felizitas blieb so oberflächlich, wie sie kann. Sie ist niemals auf meinen Wegen mitgekommen, sondern
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| immer Ski gelaufen. Einen Morgen habe ich ihr, veranlaßt durch eine Herzaffektion ihrer Mutter nach einem Spaziergang mit ihr, bei der ich ihren besorgniserregenden Puls fühlte, die Frage gestellt, wie sie denn über ihre Zukunft in - jenem - Falle dächte. Da brach sie in schwere Tränen aus und ich mußte mit einem Taschentuch helfen. Der Tag stand unter diesem Zeichen - dann - war es wieder vorbei.
Dora Th. habe ich für eine Stunde besucht. Sonst bin ich ganz unfrei. Ich werde das nicht so hinnehmen, sondern Lärm schlagen, aber erst im März.
Es ist so spät, nach dem langen mühseligen Tag. Verzeih, wenn ich nichts hinzufüge, als die innigsten Grüße, mit denen ich für heut nach einem 17 Stundentag abbreche.
Dein

Eduard