Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3./4. Februar 1931 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem-Dorf
Fabeckstr. 13>
3.II.31
Mein innig Geliebtes!
Ich beginne spät diese Zeilen, um Dir doch das Wichtigste zu erzählen. Die letzten Wochen waren voll von Trauernachrichten. Einige habe ich wohl schon berichtet: der Neffe von Seitz, Reichswehroffizier v. Glasenapp, der Bruder von Elisabeth v. Gl., ist durch eigne Hand geendet. Kurz danach traf mich die Mitteilung daß der Sohn meines Vetters Ernst Körner in Potsdam, durch einen Unglücksfall (Motorrad?) im Alter von 24 Jahren ums Leben gekommen sei. Der einzige Sohn und das einzige Glück im Schattendasein seiner Eltern. Am Sonnabend haben wir meinen lieben Kollegen Dibelius beerdigt, den mit 54 Jahren der Leberkrebs aus einem arbeitsreichen Dasein und einem Leben voll christlicher Liebe fortgenommen hat. Das ist mir sehr
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| nahe gegangen. Mein letztes Gespräch mit ihm im Auto nach 4 Stunden Staatsexamen zeigte ihn rührend besorgt um Bernhard Runge. Dem habe ich nun heute die Frage vorgelegt: "Wie hast Du über Deine Zukunft beschlossen."
Vor 10 Tagen war Hermann hier. Wir hatten ein paar gute Stunden. Abends ging ich mit der lieben Erika, die ein Glück meines Lebens ist, in die Oper. (Beweis, daß ich noch nicht voll arbeitsfähig bin.)
Gestern früh kam die Nachricht von Felizitas, daß ihre Mutter einen leichten Schlaganfall (Bluterguß im rechten Auge) gehabt habe. Zugleich Bitte um finanzielle Hilfe, damit im Moment Sorgen ferngehalten werden. Ich sandte sofort 1000 M. Mit der nächsten Post ein Gottlob handschriftlich u. inhaltlich fester Brief von Frau Witting, in dem sie mich verpflichtet, im Todesfalle für die Rechte der Tochter aktiv einzugreifen.
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Heut kam ein eigenhändiger 4 Seiten langer herzlich lieber Brief von Kerschensteiner. Nach Mitteilung seiner Frau ist es seit meinem Besuch erträglich gegangen. Der Kronprinz Rupprecht und sogar Aloys Fischer hat ihn besucht. Er gedenkt in schöner Form unserer ersten Begegnung.
Mein Befinden ist ganz langsam angestiegen. Aber es fehlt doch die frei quellende Produktivität im beunruhigender Form. Trotzdem halte ich mein Riesenauditorium mit vieler Vorbereitungsarbeit tapfer zusammen. Im Proseminar erlebte ich heut eine Diskussionsrede einer Studentin, die so herzhaft rein und jugendlich war, daß ich lange davon zehren werde. Überhaupt lasse ich auf die Studenten von heute nichts kommen. Ich bin mit ihrem Verhalten bei mir aufs Tiefste zufrieden.
Jetzt muß ich schlafen gehen.
Leb wohl für heut.

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4.II.
Es ist nicht viel Wichtiges hinzuzufügen, und ich habe heut Vormittag außer der Erledigung der Korrespondenz schon 16 Quartseiten schreiben müssen. Im Hause gab es einen kleinen (unausgesprochenen) Unfrieden, weil die 3 weiblichen Mitbewohner sich angewöhnt hatten, morgens einen Mordsradau unten zu vollführen. Da habe ich mal oben gehörig mit den Türen geklappert. Herr Strasen geht in diesem Monat 9 Tage in Urlaub und bringt - die Schwiegermutter mit, um die geschwollenen Füße seiner Frau beim Aufmachen der Tür zu entlasten. (?)
Eins weiß ich: daß ich nie wieder eine Uhrkette zur Reparatur in Heidelberg lasse.
Ich glaube, du hast mir noch verschiedene Fragen gestellt. Aber wenn ich jetzt erst nachsehe, kommt dieser Brief heut nicht mehr fort. Schreibe mir bitte künftig, wenn Dir an einer Antwort besonders liegt, die Frage auf einen gesonderten Zettel.
Mit innigen Wünschen für Dein Wohlergehen und herzlichen Grüßen
Dein
Eduard.