Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Februar 1931 (Berlin


[1]
|
24.II.31.
Mein innig Geliebtes!
Vergeblich habe ich gestern und heut im Lauf des Tages eine freie Stunde gesucht, um Dir zu schreiben. Nun komme ich mit meinen Geburtstagszeilen zu spät; aber Du wirst nicht zweifeln, daß ich in den Momenten, wo mir überhaupt Zeit zum Denken blieb, immer daran gedacht habe, und daß ich die innigsten Wünsche für Deinen Festtag im Herzen trage. Vielleicht hätte ich auch heut statt der halben Stunde Mittagsruhe im Seminar schreiben können - aber ich bin eben so ausgepumpt, daß ich dann die Sprechstunde, die 3 ½ Stunden dauerte, nicht durchgehalten hätte.
Dein lieber Brief kam am Sonntag, und unten liegt noch etwas uneröffnet, was ich vorfand, als ich vor 1 Stunde nach Hause kam.
[2]
|
Sollte ich von mir berichten, so müßte ich eigentlich das Gestöhne über meine amtliche Überlastung fortsetzen, das nachgerade langweilig wird. Ich will lieber im März den Generalangriff gegen diese Zustände eröffnen.
Heut aber habe ich einiges vom Lauf der Dinge zu erzählen, die so nebenbei auch gemacht werden - müssen. Die Feier in Braunschweig, der ich als einziger der Preisrichter beiwohnte, war mir erfreulich, weil ich Leisegang seit der Leipziger Zeit schätze und meine alte Sympathie für ihn nach 11 Jahren bestätigt fand. Der Preis hat einen sehr Würdigen getroffen. Übrigens war dieser Fisch in dem mir zugeteilten Packet. Nach der Feier im Theater war ein kleines Essen im Deutschen Haus, wo ich wohnte. (Dort wohnte übrigens auch Herr Ulisch, den ich nicht sah, während ich seine Frau vor dem Festakt besucht hatte.) Wir besuchten noch alle zusammen das Grab Lessings, ich ging mit Leisegang noch durch ein paar alte Straßen der schönen Stadt,
[3]
| aus der ich ja großmütterlicherseits stamme. Um 5 fuhr ich über Öbisfelde zurück, und um 10 saß ich am Kolleg für Montag.
Der Besuch der Vorlesung, der mit ca 1000 Leuten begonnen hatte, ist seit Februar sehr zurückgegangen. Es mögen noch bestenfalls 600 da sein. Im vorigen Winter trat dieser Verlust noch nicht ein. Im Sommer war er ebenfalls sehr spürbar. Ich frage mich nach den Ursachen. Diesmal kann er nicht, wie im Sommer, im unzweckmäßigen Aufbau des Kollegs liegen. Ist es das heranrückende Schicksal des alternden Dozenten? Abgestandene Sachen biete ich jedenfalls nicht. Vielmehr setze ich immer noch die ganze Kraft in die Vorlesung.
Am Freitag Mittag war Dr. Lochner von den Sudetendeutschen zu Mittag da (was immer heißt: zwischen Vorlesung u. Seminar keine Mittagsruhe.) Sonnabend war der Seminarabend, 10 Herren, 5 Damen (mich eingerechnet). Gottlob hat Frau Rohde an solchen arbeitsreichen Ver
[4]
|anstaltungen große Freude. Die Stimmung war gut. An m. Tisch saß eine Frau Dr. Harnack, angeheiratete amerikanische Nichte von Harnack, und Frl. Carrillo aus Ecuador, beide sehr angenehm, erstere nach Erscheinung wie Geist. Die Stimmung entfaltete sich gut, man kam um ½ 8 und ging um 12.
Sonntag Mittag war Bernhard da. Erst ging es sehr schwer mit dem Sichfinden. Ganz spät kam dann der alte Bernhard heraus, und ich glaube doch, ihn noch an einer tiefergelegenen Bindung zu halten. Erika ist ihre angenehme Stellung an der Taubstummenschule gekündigt worden.
Diese Woche wimmelt nur von Prüfungen und kleinen Verabredungen. Jaeger ist auch schon halb tot. Man übersteht es, weil man sich sagt: Freitag Abend ist das Semester zu Ende. Aber dann geht es ja vorläufig nur so weiter. Es liegen jetzt schon für die Ferien
[5]
| ca 2500 S. Manuskript da.
Frau Witting schrieb wiederum eingehend. Es geht vorläufig besser. Aber ihre Sorgen mit dem Haus bleiben bestehen. Gottlob hat sich die Zahl der Gäste gehoben.
Eben fand ich einen sehr lieben Brief von Zollinger jr. Ich dachte, daß ich wegen der nötigen Pestalozziangelegenheiten allein nach Zürich fahre (um den 26.III), und daß wir uns dann entweder auf der Reichenau, oder, bei noch ungeeignetem Wetter, in einer süddeutschen Stadt treffen. (Dabei fällt mir ein, daß die Mauck, die anscheinend in Geisteskrankheit verfallen ist, mich persönlich und brieflich wie eine Ophelia verfolgt.) Aber wer weiß, was bis dahin politisch noch geschieht?
Hier ein paar Hauptdaten meines Programms:
  6. März: Tee mit Ansprache von mir bei Frau Dietrich-Troeltsch.
10. März: Vortrag in Jüterbog.
Mitte März: 2 Tage Limburg bei Tietjens u. ev. auch noch Fahrt nach Quendlinburg.
[6]
|
Eben habe ich Deine Sendung aufgemacht. Ich freue mich sehr dieser Erinnerung an den Anfang eines Jahres, das mir national u. persönlich doch sehr problematisch erscheint. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, daß wir am 1.I. dem Geiste des großen Reichsgründers so nahe waren. Die Bilder sind recht gut gelungen. Das Intérieur hat sogar etwas Malerisches, mit all dem Gerümpel.
Ich danke Dir herzlich für diese Gabe zu Deinem Geburtstage. Obwohl es erst ½ 10 ist, will ich doch schlafen gehen, sonst komme ich mit der Kraft in den letzten 3 Tagen nicht durch. Denn es pumpt sich jetzt alles schwerer aus mir heraus als sonst. Trotzdem ist mir, als steckten mir Ideen, die etwas werden könnten, wenn ich nur aus meiner Sklaverei herauskönnte.
Noch einmal die innigsten Wünsche u. treue Grüße Deines
Eduard.