Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. März 1931 (Berlin)


[1]
|
<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem-Dorf
Fabeckstr. 13>
13.III.31.
Mein innig Geliebtes!
Nun ist mit Jüterbog der letzte Vortrag des Wintersemesters erledigt. Wir müssen jetzt die Reisefrage erwägen. Ich werde schwerlich vor dem 27. März früh hier fortkönnen und möchte versuchen, ob ich an einem Tage via Basel mit dem FD gleich bis Zürich durchkomme. Dort will ich einen Tag incognito existieren, dann mit Stettbacher u. Zollingers zusammensein. Das wird im ganzen 4 Tage kosten, so daß ich erst am 1.IV weiterkäme. Aber wohin dann? Für die Reichenau wird es nach den jetzigen Anzeichen recht kalt u. unbehaglich sein. Für die italienische Schweiz ist die Zeit zu knapp. Ich habe an Lindau gedacht, glaube aber, daß der Westwind dort zu sehr auf die Fenster steht. Bregenz ist mir an sich nicht besonders sympathisch. Man könnte aber von dort auf den Pfänder u. zu den hervorragenden Aussichtspunkten bei Walzenhausen u. Heiden.
[2]
| Wie denkst Du über Bregenz am 1. April? Für den 5. (= 1. Ostertag) müßten wir uns schon auf der Reichenau anmelden. Denn am 8. früh beginnt die Tagung. Die dauert bis zum 10. abends. Am 13. früh spätestens müßte ich nach Berlin abreisen. Weniger Zeit auf die Fahrt verlöre man wohl, wenn man in einen Rheinort bei Schaffhausen ginge. Wie wäre es mit Laufenburg oder Waldshut? Wo könnte man da wohnen?
Noch eine Frage: Ich habe das Recht, zu der Tagung noch jemanden einzuladen. Da nun diesmal auf der Reichenau doch nicht viel Ruhe sein wird, ist mir der Gedanke gekommen, ob ich Martha Holl dazu auffordern soll. Ich müßte das natürlich bezahlen, und insofern wäre das nicht ganz gerechtfertigt, als vielleicht ein bedürftiger Student oder Studentin mehr inneren Anspruch darauf erheben könnte. Aber ich weiß z. Z. niemanden, den ich "möchte". M. H. kann nicht marschieren. Aber auch wir werden ja bei der Kürze der Zeit nicht viel unternehmen können.
Indem ich dies alles überdenke, kommt
[3]
| mir schreckhaft zum Bewußtsein, wie wenig wieder mal für die Erholung herauskommt. Aber ebenso schwer ist mir längst auf die Seele gefallen, daß trotzdem bis dahin nicht zu schaffen ist, was geschafft werden müßte. Ob man - der Ruhe wegen - doch gleich auf die R. ginge? Vielleicht wäre es das Klügste. Aber bitte sage mir Deine Ansicht.
Ich habe gestern die große Aussprache mit Richter u. Windelband gehabt. Obwohl alles freundschaftlich und nach Wunsch verlief, ist natürlich an den bestehenden Verhältnissen nicht sofort irgendetwas Nennenswertes zu ändern. Es bestand durchaus Bereitschaft, mich von der 2st. philos. Vorlesung zu entbinden, so daß ich dann nur hätte: Mittwoch 9-11 Staat u. Erziehung. Freitag 5-7 Seminar über Goethes Weltanschauung (wozu ich seit gestern arbeite.) Eine Schwierigkeit liegt für mich nur darin, daß H. Maier auch gern s. Vorlesung absagen möchte. Im Ministerium liebt man mich mehr. Es bleibt eben eine kollegiale Schwierigkeit, über die ich mich gestern mit Maier schon so ausgesprochen habe, daß alles friedlich verlaufen wird.
[4]
|
Sonst will ich heut nicht viel hinzufügen. Deine Entscheidung eilt insofern, als wir wegen der Ostertage die 2 - ev. die 3 Zimmer auf der Reichenau früh bestellen müssen. Ich will daher heut nicht mehr viel hinzufügen. Wenn wir am 1.IV. zusammentreffen, so sind es ja nur noch 18 Tage; freilich werden sie noch sehr arbeitsreich sein müssen.
Wir hatten hier gestern einen beispiellosen Schneesturm. Heut ist das meiste wieder fortgetaut. Aber es sieht noch garnicht nach einem frühen Frühling aus. Heut will ich noch zu Frau Matejat, um ihr Geld zu bringen. Morgen Abend bin ich bei Frau Exc. v. Dirksen. Montag - Dienstag Lüneburg. Susanne habe ich seit 1 Woche nicht gesehen. (Das heißt Ferien.) Sie hat beim Abiturium unerfreuliche politische Zusammenstöße gehabt.
Ich hoffe morgen oder übermorgen zu hören, wie es dem Vorstand geht. Frau Witting schreibt häufiger - es will mir aber noch nicht recht gefallen.
In Eile Schluß und herzlichste Grüße
Deines
Eduard