Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. April 1931 (Berlin)


[1]
|
15.IV.31.
Mein innig Geliebtes!
Nur einen Gruß und stichwortartigen Bericht. Auf der Fahrt am Montag war die Gegend um Rottweil anziehend und interessant. Horb lag schon im Dunkel. Abends in der modernen, aber individualitätslosen Karawanserei (nicht billig) empfing mich ein langer Brief von Frl. Lampert mit neuen süßen Liebesgaben. Am nächsten Morgen, als ich am Hauptbhf. in der Frühlingssonne wartete, ging der Kronprinz mit ein paar Herren an mir vorüber. Er bemerkte meinen Gruß und erwiderte ihn durch lebhaftes Zunicken, aber ohne den Deckel zu lüften und ohne mich (natürlich) zu erkennen. Die Fahrt nach Berlin verlief glatt, obwohl sie lang genug war. In Oberhof (2° Wärme) lag noch Schnee. Auch hier schneit es heut in echt aprilmäßigen Schauern. Ich habe die aufgehäuften Berge schnell gesichtet u. größtenteils
[2]
| behandelt. Nachm. ging ich mit Susanne nach Lichterfelde u. fand einen Vertrauen erweckenden Mann, der den Modderhaufen in einen brauchbaren Altar verwandeln wird. Brosius erwies sich dem Semesteransturm u. den plötzlich auftretenden Fragen als nicht gewachsen. Er kam nachmittags ziemlich aufgelöst an. Morgen in der ersten Sprechstunde nehme ich die Sache selbst in die Hand. Im übrigen ist man wieder im Lande der politischen Todfeindschaften. Alle Zeitungen sind voll von Stunk.
Die Reichenau war uns nach Lage der Ding gnädig genug. Aber Du hast mir schwere Sorge gemacht. Gottlob sahst Du am letzten Tage schon besser aus. Hoffentlich geht es nun weiter aufwärts. Vergiß aber nicht, daß die Sache grundsätzlich behandelt werden muß. - Bernhard bei Bewußtsein, aber noch in Lebensgefahr. Ich habe Erika gefragt, ob es geraten ist, daß ich ihn Sonntag besuche. Im einzelnen natürlich tausenderlei Neues, das sich aber jetzt nicht zu berichten lohnt. Nur so viel: daß ich schon wieder nach zahllosen Seiten zerrissen bin. Genieße den Inselfrieden mit Gesundheit, grüße <li. Rand> das Haus u. sei selbst innig gegrüßt mit den wärmsten Wünschen von Deinem Eduard.