Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Mai 1931 (Berlin)


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22.V.31.
Mein innig Geliebtes!
Einen herzlichen Gruß zum Pfingstfest. Daß mit Dir "nicht viel los" ist, wurde mir durch einen Brief von Frl. Lampert (mit Bildern, die Du wohl auch erhalten hast) bestätigt. Es nützt nicht, daß Du Dich in ein gutes Licht stellst - die Schatten unter Deinen Augen sehr ich nur zu genau. Mir versichern alle Leute, daß ich vorzüglich aussehe. Aber irgendetwas Nennenswertes ist nicht in Ordnung. Mag es Neurasthenie sein - ich fühle mich verändert. Vielleicht ist es auch irgend etwas Bestimmteres.
Alle Menschen hier nehmen in jedem Sinne ab. Die allgemeine Lage drückt zu schwer. Dazu die Einzelschicksale: Werner Jaegers Frau anscheinend in fortschreitender schwerer Melancholie, Helene Scholz gemeingefährlich geisteskrank, u. in dieser Art weiter. Man hört es förmlich krachen im Gebälk.
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| Mir selbst hat seit langem nicht so sehr der eigentliche Schwung gefehlt. Aber eins glaube ich nun doch erreicht zu haben: ich beginne diesen modernen Menschentypus in seiner eigentümlichen Konstruktion zu verstehen. Soweit Therapie möglich und nötig ist, könnte man also einsetzen. Aber das ist schon schwer zu formulieren - noch schwerer in meinem Erschöpfungszustand durchzuführen.
Seit Dienstag ist der Alpengarten am Modderhaufen fertig. Er ist hübsch gemacht. Strasen hat mächtig im Garten gearbeitet. Die Gesamtkosten betragen etwas 700 M. Diese letzte große Verbesserung war aber notwenig. Es ist so kalt, daß man auf dem zementierten Plateau nicht sitzen kann. Auch erweist sich der Lärm der 6 Nachbarskinder, vermehrt um das Hamburger Blechorgan des Kindermädchens, nicht gerade als förderlich.
Am Montag habe ich mit 25 mir ganz unbekannten Schülerinnen der Frauenschule der Inneren Mission vor ca. 40 Zuhörern
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| eine Probelektion über den "Begriff der Persönlichkeit und ihre Grenzen" gehalten. Mir war besonders schlecht. Aber ich saß absolut sicher im Sattel und hatte an diesen ernsten, suchenden jungen Wesen eine so tiefe Freude wie lange nicht. Das müßte man öfter haben können. Mein jetziges Seminar versagt trotz tüchtiger Mitglieder auffallend. Heut abend habe ich mit Glück die Zügel ergriffen und einige Klarheit geschaffen. Die heutigen Leute stehen - fern von Goethe, weil sie ihn nicht erreichen könnten.
Bei meiner 79jährigen Pflegemutter Matejat hatte ich eine gute halbe Stunde. Es ist doch seltsam: diese alten innerlich lebendigen Menschen, und diese kränkelnde mittlere Generation.
Pfingsten wird still sein. Für den Sonntag habe ich nur zu Mittag einen mir empfohlenen Studenten im 1. Semester eingeladen. Am 2. Feiertag nachm. besuche ich Cassirer (Hamburg) geschäftlich, dann Frl. Dr. Siemering. Am 3. kommt vielleicht Adalbert. Am Mittwoch fahre ich nach Weimar. (Hotel Elefant.)
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| Am Freitag geht es mit der ganzen Sippschaft nach Frankfurt [über der Zeile] (?Baseler Hof??) Sonntag Ausflug an den Rhein und nach Wiesbaden. Da am Montag Nachmittag wohl Staatsexamen sein wird, weiß ich noch garnicht, wie ich rechtzeitig zurückkomme. Von Heidelberg natürlich keine Rede, noch weniger von Baden-Baden, wohin mich Frau Seitz, relativ wiederhergestellt, in einem ausführlichen Brief eingeladen hat.
Susanne ist gestern nach Althof gefahren. Bei dem Alter ihres Vaters scheint mir das richtig.
Der Rektor hat mir heut eröffnet, er wolle zur Hegelfeier den Theologen Seeberg, den Juristen Kohlrausch und mich je 20 Minuten reden lassen. Du siehst, es geht nichts an mir vorüber.
Herrn Sigfried Bernfeld, den bolschewistischen Psychoanalytiker, sucht man uns durch ein Gutachten von Freud zu oktroyieren. Ich hetze weiter dagegen und werde den Minister selbst aufsuchen, nicht, wie ich heute plante, hintenherum den kathl. Staatssekretär.
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| So züchtet man den Nationalsozialismus.
Die Feiertage werde ich der Lektüre von Günthers Arbeit endlich widmen müssen. Außerdem liegen 7 Dissertationsentwürfe da.
Heut tauchte Elsbeth Knoche wieder auf. Das ist ein erfreuliches Wesen, schon wenn man die lebendige kleine Person sieht. Hoffentlich kommt sie zu Ostern von Eberswalde nach Berlin.
Lange ist keiner Generation so Schweres auferlegt worden wie uns. Allmählich komme ich auch über mich zu einiger Klarheit. Denn mein Versagen ist natürlich primär psychisch. Ich führe einen Drei-Fronten-Krieg. Das geht bis auf die Wurzeln. Und wenn man so viel für die Wurzeln braucht, bleibt so wenig zum Geben, so wenig vom mitreißenden Fluidum. Der neue Kollege Hartmann ist vorläufig undurchsichtig. Mir scheint nicht allzu viel von "Geöffnetheit" in ihn zu sein. Er ist ein Professor, nicht ganz so wie Heinrich Maier, aber vielleicht auf dem Wege.
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Nun ist wohl das meiste erzählt. Was wirst Du zu Pfingsten anfangen? Wie geht es mit dem Husten?
Wenn ich auf unsren gemeinsamen Weg zurückblicke, so scheint es mir rätselhaft, daß die Probleme unsrer jungen Jahre halb versunken sind. Die geistig-sittliche Welt hat sich gedreht wie eine Wetterfahne. Es ist manchmal schwer, die Gewißheit sich selbst so deutlich zu machen, daß man standhält. Aber:
"Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben..."
Die Hauptsache ist, daß man noch Kraft behält zum Kämpfen. Und damit wird es manchmal schon schlimm. In unsren Jahren sollte man vielleicht (?) anfangen dürfen, im Erreichten zu ruhen. Also - nicht "so fortan", sondern: "fort und fort bergan".
Ich grüße Dich in tiefer Gemeinsamkeit
Dein
Eduard.