Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Juni 1931 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem-Dorf
Fabeckstr. 13>
7.6.31.
Mein innig Geliebtes!
Die 14tägige Briefpause hat also Gottlob keinen anderen Grund gehabt als die Fülle der Besuche und Landpartien. Was Du von Hartnacke und Emmy schreibst, interessiert mich sehr. H. steht immer noch isoliert - aber er hat Mut.
Schmalz könnte vielleicht der Sohn eines (sehr angesehenen) Professors a. D. an der Tierärztlichen Hochschule sein. Günthers lange Arbeit habe ich in den beiden Pfingsttagen mit großer Beschleunigung gelesen. Ich habe sie ohne Vorbehalte zur Annahme empfohlen. Sie ist nicht originell, aber ordentlich, und sie zeugt von Nachdenken und Darstellungsfähigkeit. Ob ich ihn durchkriege, ist zweifelhaft. Die meisten scheitern bei uns.
In m. Frankfurter Bericht hatte ich ver
[2]
|gessen, daß ich auch Biermann in s. Garten besucht habe. Er ist eine Ruine, sehr stumpf geworden, ein warnendes Zeichen. Außer ihr sah ich auch Lenchen u. Christian kurz.
Es ist nicht zu leugnen, daß ich gut aussehe. Aber ich bin kaput, habe eine richtige Neurasthenie, mit organischen Störungen, die sehr langsam besser werden, manchmal Rückenschmerzen, deprimierter Stimmung und langsamem Arbeitstempo. Trotz der 4 freien Tage in der Woche ist immer noch so viel Arbeit, daß es nie rechtzeitig zu schaffen ist. Nur abends merke ich eine Entlastung - aber nie, ohne daß ich 8-9 Stunden gearbeitet hätte.
Auf der Rückfahrt traf ich Thümmels, die von München kamen. Seitdem war ein Festessen zu Ehren des Kartells der Akademien bei Kroll. Mein Seminar ist ziemlich minderwertig. Gestern bin ich mit Susanne bei Ferch schauderhaft eingeregnet. Heut Nachm. bin ich bei Ermans eingeladen.
[3]
|
Von meinem Nazi habe ich bis jetzt ein Ms. über Politik in Händen. Am 15. Juni wird im Kreise von Politikern eine Aussprache über die Ideologie der Jugend sein. Da hoffe ich zu hören und zu reden. Natürlich ist die Bewegung unreif, aber sie ist Symptom nicht nur der Not, sondern einer tiefliegenden Umbildung, die ich zu verstehen glaube, und da sie in so großem Umfang vorhanden ist, ist sie auch ein politisches Gewicht. Ihr größter Segen liegt darin, daß sie vor dem Bolschewismus schützt. Welch merkwürdige Wandlungen überhaupt: Der Papst in 1000 Ängsten, die ganze Welt revisionsbereit außer Frankreich; die evangelische Kirche kurz vor ihrer Wiedergeburt - und dies alles so durcheinandergemischt, daß trotzdem alles noch chaotisch wirkt.
Lange kann ich heut nicht schreiben. Hier nur ein Kalender: 20. Juni Mozartkonzert für Germanisten im Schloß Rheinsberg. 13. Juli Dessau (Mendelssohn-Kuratorium.) 19. Juli soll ich bei der Eröffnung des Institutes
[4]
| für Völkerpädagogik reden. Ich halte es aber für eine faule Gründung und werde es nur tun, wenn von den Geladenen: Kanzler, Reichsaußenminister u. den fremden Gesandten (!) wenigstens 1 Mitglied der Reichsregierung kommt. Da der Kanzler in Chequers ist, kann ich aber z. Z. nichts erfahren.
Könntest Du nicht einmal die Verbindung mit Johanna Richter (Grunewald, Zikadenweg 50) wieder aufnehmen? Ich habe da uralte Besuchsschulden. Aber es liegt mir zu weit ab. Vielleicht berichtest Du ihr ein bißchen.
Es war Besuch da; ich will nun schließen. Da Du vom Husten nichts erwähntest, darf ich wohl annehmen, daß es erträglich geht?
Aber natürlich habe ich etwas Wichtiges vergessen. Bei den "Kartellierten" war für Heidelberg Prof. Ernst da, mit dem ich ebenso eingehend über Dich wie über seinen Hund u. Ernst Schwalbe u.s.w. gesprochen habe. Ein angenehmer Mann, der Deine Kunst sehr rühmte.
Viel herzliche Grüße, auch an den Vorstand, Dein Eduard.