Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Juli 1931 (Berlin)


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7.7.31.
Mein innig Geliebtes!
Du mußt schon Nachsicht mit mir haben, wenn eine so große Pause in meinen Briefen entstanden ist. Mehr als 10 Stunden pflichtmäßiger Beschäftigung halte ich jetzt nicht aus; wenn die erledigt ist, bin ich besinnungslos müde, zumal in den letzten Tagen unerträglicher Schwüle. Immer mehr türmt sich um mich der Berg des Nichtbewältigten, obwohl ich kaum etwas anderes als Dienstliches tue. Noch liegt die größte Zahl der Geburtstagsbriefe unbeantwortet da. Ich sende Dir hier, was ich entbehren kann, damit Du "etwas zu tun hast" und etwas in den Zusammenhang kommst. Länger als 10 Tage möchte ich aber die Sachen nicht entbehren, weil ich vieles noch weiter behandeln muß. Was im Sonderkuvert ist, hat mit dem Geburtstag nichts zu tun. Ich bitte Dich, die Gedichte von Kaubisch, die sehr
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| wertvoll sind, zu subskribieren - gegen Wiedererstattung.
An allen Deinen lieben Geschenken habe ich viel Freude gehabt, mit Ausnahme des Gothein bisher, zu dem ich so bald nicht kommen werde. Für die Bilder habe ich mich auch bei Frommherzens bedankt. Gleich danach kam ein Telegramm von ihnen.
Auf die sehr unangenehmen Sachen, die mein Gemüt u. meine Kraft inzwischen bedrückt haben, kann ich nicht eingehen, weil das viele Seiten erfordern würde. In einem Fall spielt Wallners Zwischenträgerei eine unerfreuliche Rolle, und Kerschensteiner hat sich wieder sehr ungeschickt zwischen Wallner und mich geschoben.
Viel schlimmer als alles dies ist ja, daß die geistige Welt des Bürgertums unter den obwaltenden Verhältnissen von Tag zu Tag rapide verfällt. Die Positionen werden geräumt, wie Unterstände im Trommelfeuer. Wir gehören einer vergangenen Generation an. In meinem
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| ganzen Kreise, die wenigen Nächsten mit eingeschlossen, sieht es niemand. Es ist aber sehr schwer, solche Weltschicksale allein mit sich herumzutragen. Schließlich platzt dabei einmal die ganze geistige Kapazität. Und Einsamkeit ist um so schlimmer, je mehr sie sich unter einer Fülle menschlicher Beziehungen, ganz im Tiefsten und Letzten, verbirgt. Ist man frisch, so kann man kämpfen. Aber ich bin z. Z. zermürbt, ähnlich wie Jaeger, den das Schicksal wirklich grausam verfolgt. - Trotz allem: wir lesen Dissertationen. Nichts besser, um einen Menschen aus der geistigen Wirksamkeit auszuschalten, als ihm ein Universitätsamt zu geben: er treibt pflichtmäßig vom Morgen bis in die Nacht Subalternes. Inzwischen zernagen die Ratten den Bau der geistigen Kultur. Ich kenne diese Ratten; andere bemerken sie nicht, ausgenommen Hartnacke, der sich aber schon aus der Zukunftswirkung herausmanövriert hat, wie er selbst im letzten Brief an mich empfand.
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Zu Deiner Frage von gestern:
1) es ist heut mehr als zweifelhaft, ob man persönliche Dokumente unverbrannt hinterlassen soll. Denn meistens werden sie zu psychoanalytischer Riecherei mißbraucht, wie es schon W. v. Humboldt, Nietzsche und vielen anderen widerfahren ist.
2) der einzelne wird wirklich durch Geschriebenes nicht mehr interessant sein: die Hauptsache ist, was er gelebt und in Seelen gewirkt hat.
3) das Haus Rohrbacherstr. 24 ist in keiner Weise gefährdet. Da hätten sie viel zu tun, wenn sie jeder Fahne nachspüren sollten. Erst werden ganz andere gehängt, und bis dahin ist Zeit, die Sachen fortzubringen.
Absolute Sicherheit ist nirgends, weder für materielle, noch für ideelle Werte.
Hat eigentlich der Vorstand einmal bei der Goethegesellschaft in Weimar selbst angefragt, ob sie die Serie übernehmen würde? Einzelne Bände kauft sie zu guten Preisen, wenn sie knapp sind.
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Sonntag der 28.VI. war ein bewegter Tag: erst eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Flitner, gleich danach Bernhard Runge, der mir eröffnete, daß er sich verlobt habe mit einer 10 Jahre älteren Dame u. sie sofort heiraten wolle (am 15. Juli werde ich bei Buckow an s. Hochzeit teilnehmen [müssen].) Dann 4 Stunden Dora Thümmel, die via Ulm, Sigmaringen (<2 Worte unleserlich>) nach Wiedener Eck im Schwarzwald gereist ist.
In der Studentenschaft gärt es - aber von primitiven spiritus. Jeder Eingang der Universität wird kontrolliert. Ein Pedell in m. Hause hat schon den Verstand verloren (wobei er freilich nicht viel verloren hat.) Ich will morgen zu einem Informationsabend gehen, um mal zu hören, was eigentlich vorgeht. Wir stehen zwischen, d. h. zwischen Bolschewismus und Faschismus. Tertium non datur. Da ist die heutige Nachricht wichtig, daß Moskau u. Mussolini sich nähern. Das kann die Operation gnädiger machen. Kommen wird sie. Das alte Wirtschaftssystem ist bankrott.
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| Noch schlimmer: der bürgerliche Geist als Ethos ist bankrott, ist tot. Er räumt die Positionen nicht etwa kampflos, sondern bewußtlos.
Soweit ich kann, verfolge ich alles sehr aufmerksam. Aber es ist mir als müßte ich immer Pathologisches erkennen lernen. Da hättest Du mehr Übung im Sehen.
Sonnabend hatte ich 9 Studenten (5 Herren, 4 Damen) bei mir. Nach einem Tee gingen wir an die Havel. Die Sache verlief recht harmonisch. Heut hat Frl. Silber bei mir das mündliche Examen bei ebenso wahnsinniger Schwüle wie ordentlichem Erfolg gemacht. Hoffentlich glückt es auch sonst so.
Susanne ist gestern nach Pontresina abgereist. Ich werde am Sonnabend bei Sombart sein, Sonntag Jaeger zwecks Statutenmacherei bei mir haben, Montag in Wörlitz zum Mendelssohnkuratorium sein, Mittwoch in Waldsieversdorf zur Hochzeit. Von der Festrede in Mainz habe ich mich losgeredet. Aber
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| ⅓ Rede zum Hegeljubiläum der Universität liegt auf mir. Ebenso werde ich wohl die Jubiläumsrede für die Goethegesellschaft zu Pfingsten halten müssen. Die Toten fressen die Lebendigen - auch ein übles Zeichen.
Seit Wochen lese ich im Einschlafen, spät abends, in Fröbels H Halfters "Fröbel", 760 S. - einem Buch von unerwarteter Genialität, einer ganz großen Leistung. Benno Böhm räumt friedlich den Posten, auf den ich ihn gestellt habe. So sind meine Leute.
Die Notverordnungen bringen mir ein Minus von monatlich ca 325 M. Immer mehr aber muß ich nach den verschiedensten Seiten helfen. Frau Strasen ist "in der Sommerfrische". Wir haben für 14 Tage eine Vertretung, die hier schläft.
Das Gesicht von Hitler finde ich undeutsch, fast "ostisch". - Tacke sucht offenbar sein Bild loszuwerden. Es ist vielleicht der Auffassung nach doch das beste. Hamacher ist Passage
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|stil, bei ordentlicher Maltechnik. Ich sah mit der enthusiastischen Grunewald die "Abstrakten" (= Bolschewisten) in der Kunstaustellung. Die eigentümliche Person versteht sehr gut, Kunst nahezubringen, einfach durch eigenes Ergriffen sein.
An m. Geburtstag war auch Rudolf Kühne da; sonst Brosius, Wolfgang Imhülsen (stellungslos) Silber, Wingeleit, Rauhut, Adalbert (famos), Erika (dgl.
Aber nun muß ich schließen. Es hat endlich kräftig gewittert. Morgen habe ich einen schweren Tag: ich muß um 8 von Hause fort und werde um Mitternacht zurückkommen. Deshalb nur die herzlichsten Wünsche für Dein Befinden - von dem Du nichts sagst - und innige Grüße.
Dein
Eduard.
Dem Vorstand vorläufigen Dank! u. Gruß!

[li. Rand] Von Rheinsberg u. der Panne schrieb ich doch? Die Beichaise hatte sie auf der Rückfahrt u. kam 6 Uhr morgens nach Berlin.