Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. August 1931 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
1. August 31.
Mein innig Geliebtes!
Es wird ein sehr geschäftlicher Brief werden heut; aber das Nötigste muß doch mitgeteilt werden, trotz des unerhörten Semesterschlußtrubels, weil daraus praktische Dinge folgen.
Bereits vor 14 Tagen las ich in der Nachtausgabe, daß Ruderer u. Lang in München, bei denen ich 10000 M zu stehen habe, in Konkurs geraten sind. Man hofft bei der Solidität der Firma auf einen erträglichen Vergleich. Gleichzeitig gingen ungünstige Berichte über die Dresdner Bank um, die seit gestern ja offiziell bestätigt werden durch die Nachricht von der "Beteiligung des Reiches" an ihr. Beides zeigt, daß die ganze Wirtschaft im Krachen ist. Dazu kommt am 9. August der Volksentscheid. Du weißt,
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| daß sich jetzt die Kommunisten daran beteiligen. Es ist eine schwere Frage, was man tun soll. Die Regierung Brüning ist noch eine Regierung der Ordnung. Ich halte den Ausbruch von Unruhen gerade am 10. VIII nicht für ausgeschlossen.
Bis jetzt bin ich - bei größter Sparsamkeit - mit meinem Bargeld noch immer ausgekommen. Aber ich habe im Augenblick, nach Zahlung aller Gehälter 75 M. Damit kann man nicht reisen, und erst am Mittwoch soll es mehr geben.
Am Mittwoch den 5. August früh muß ich nun nach Marburg reisen, wo ich mit Sr. Magnificenz Litt bei den Ferienkursen zusammenwirken werde (recht lustlos.) Am 6. u. 7. werde ich also dort in der "Burse" sein. Wo ich am 8. bin, ist unbestimmt. Sonntag 9. abends muß ich im Schloßhotel Wilhelmshöhe eintreffen. Am 10. ist dort die Sitzung.
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| Wenn man das Geld hat, dachte ich nach dem Schwarzwald zu fahren. Wenn keins oder wenn Unruhen eintreten, nach Berlin zurück. Das Ziel im Schwarzwald ist aber noch unsicher. Was D. Th. mitteilt, ist zu sehr auf freier Höhe gelegen (und hier sollen nach Frl. Willes Mitteilung die Schwalben schon fortziehen.) Weißt Du etwas über Schönwald bei Triberg? Ist das ein Ort oder nur ein Hotel, liegt es frei oder (hoffentlich) etwas geschützt. Wenn das Geld reicht - ich muß aber auch Frau Rohdes Reise u. Vertretung finanzieren, dann würde ich Dich bitten, auf 14 Tage in den Schwarzwaldort (welcher es nun sein wird) zu kommen. Dort können wir mündlich erörtern, was selbst auf 50 Briefseiten nicht zu bewältigen wäre.
Eine andere Möglichkeit für den Fall ruhiger Zeiten aber knappen Geldes wäre, daß ich nach Partenkirchen ginge, wo man mich ja nicht pfänden würde.
Frl. Dr. Silber Braunlage, Jugendheim am Bhf.
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Das persönliche Verhältnis zwischen Frau R. und Frau St. war im Laufe der Zeit so schlecht geworden, daß ich durch eine Unterredung mit beiden eingreifen mußte. Auf die Dauer wird sich wohl nichts erreichen lassen, obwohl es jetzt mal besser aussieht. Susanne hat endlich eine Gartenhauswohnung Wilm. Jenaerstr. 11 gefunden und zieht am 15. August um.
Im Anschluß an meine Akademierede, von der ich bis jetzt 150 Ex. verteilt habe, erhalte ich eine höchst interessante Korrespondenz, die aber viel Arbeit macht. Zollinger jr. hat mir einen sehr schönen, langen Brief geschrieben. Ebenso erhielt ich eingehende Nachricht von Herrn u. Frau Seitz. Mit Minister Becker hatte ich ein paar für ihn hoffentlich lehrreiche Begegnungen. Ich müßte ganze Packete an Briefen schicken, wenn ich Dich auf dem Laufenden hallten wollte. Das Wichtigste schicke ich später
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| oder bringe ich mit.
Meine Vorlesung habe ich am Mittwoch bei noch gut besetztem Hause geschlossen. Es hat mich befriedigt, daß ich bis zum letzten Moment absolute Ordnung im Hause hatte, obwohl ich im Juli nur noch von aktuell politischen Fragen sprach (der Eintritt zur Un. wird seit Wochen kontrolliert.) Gestern Abend - recht nervös - habe ich auch das Seminar geschlossen, das recht hochstand. Störend war nur, daß die Damen nicht dazu zu bringen waren, laut zu sprechen, und daß gegen Schluß ¼ der Mitglieder über die behandelten Fragen eine Privatkorrespondenz mit mir eröffneten. Es hat sich doch jetzt wieder ein geschlossener Kreis gebildet, weil ich mich den einzelnen nicht widmen konnte. Allerdings lese ich nichts als Mss., ohne je den Stoß abtragen zu können.
Morgen wird sich Marta Holl mit ihrem Bräutigam vorstellen.
Zu den Reiseplänen möchte ich noch
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| nachtragen, daß Freudenstadt nicht in Frage kommt, weil Frau Arnthal (die mir oft auf die Nerven fällt) dort sein wird. Für 14 Tage könnte man zur Not auch an Königsfeld denken. Oder weißt Du etwas bequem Erreichbares im Allgäu? Ich möchte nicht viel Zeit verreisen.
Ich hoffe, in ½ Stunde einen Brief von Dir zu erhalten, schließe aber diese "Nachrichten" schon jetzt mit herzlichsten Grüßen und der innigen Hoffnung, daß uns ein Zusammensein möglich sein wird. Gruß auch an unsre Freundin.
Dein
Eduard.

[li. Rand] Thümmels, Wiedener Eck, wollten über Speyer- Worms zurück.