Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. September 1931 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
21.9.31.
Mein innig Geliebtes!
Heut will ich Dir wenigstens einen gedrängten Tatsachenbericht und einige zurückerbetene Dokumente senden. Vor allem aber herzlichen Dank für die schönen Herbstzeitlosen. Sie haben hier viel Bewunderung erregt, weil man sie wenig kennt. Mir sagen sie mehr.
Die erste angenehme Tatsache ist der Eingang der Beleidigungsklage von der Linnert (nicht Schadenersatz.) Das hat natürlich viel Zeit gekostet. Das Material (ein ganzer Stoß) ist aber vollzählig da. Es ist für mich ganz harmlos und in meinem Sinne beweiskräftig. Übrigens hat sie den Popp auch verklagt - ohne das in der Klage gegen mich zu erwähnen.
Ich habe viel gearbeitet. Das Siemeringsche Buch samt 20 Seiten neuen Textes von mir habe ich in 2 Tagen fertig gemacht. Der Entwurf der neuen Promotionsordnung ist sogar in 5 Stunden gelungen. (Das war ein besonderes Schrecknis.)
Mit der Reise steht es nun so: Ministerium hat nichts dagegen. A.A. wird sich wohl erst
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| äußern, wenn ich zurückkomme. Es besteht einige Aussicht, daß ich mit Oesterreich zusammen reise. Der empfiehlt den Expressdampfer Venedig-Athen, der 2 Tage braucht. Da er jede Woche nur einmal geht, kommt für die Abfahrt von Venedig nur der 8. Oktober in Frage. Ich würde aber schon etwas früher fahren, um von Venedig etwas zu sehen. Ganz fest entscheiden möchte ich mich eigentlich erst nach dem frz. Besuch in Berlin.
Die Meuterei der englischen Flotte halte ich fast für den Anfang einer neuen Geschichtsepoche. Wenn so etwas möglich ist, existiert der Staat im alten Sinne nicht mehr. Dazu nun der Krieg im Osten. Wird er zu lokalisieren sein? - In Preußen ein Rechtsbruch nach dem anderen. Der Deutsche Hochschulverband hat eindrucksvoll protestiert. In m. Zeitung stand: die Päd. Akademien sollen nach Abgang des jetzigen Kursus geschlossen werden u. würden nicht wieder auferstehen (!!!)
Ich habe wohl noch nicht geschrieben, daß Frau Rohde - sehr in m. Sinn - jetzt jeden Wochentag 2 Geschwister (Oberprimaner u. Untersekundanerin) jetzt zu Mittag hier verpflegt. Es ist ein bescheidener Versuch
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| und doch nicht bloß Geld.
Felizitas hat - nach ihrer Mutter - nun auch geschrieben. Sie will einer Einladung nach Fürstenwalde folgen und ( hofft (halb laut halb still) natürlich sehr, mich hier zu treffen und wohl auch wieder hier zu wohnen. Dafür bin ich aber aus entschiedenen Gründen nicht zu haben. Ich weiß nur nicht, wie ich mich vom 1. bis 4. hier verberge.
Allenthalben entsteht Not durch Lehrerabbau. Feilchenfeld bezieht wenigstens 360 M (ohne Tätigkeit) weiter! Seltsame Verwaltungweisheit! Viel schwerer ist Halfter bei seinem geringen Gehalt durch den Abbau 2er mitverdienender Töchter getroffen. (Er schreibt beweglich und wunderlich.)
Mit Hegel bin ich schlecht vorwärtsgekommen u. möchte eigentlich die Rede noch von mir abwälzen. Die Goetherede zu Pfingsten in Weimar habe ich zugesagt.
Wir heizen natürlich. Ich bin recht nervös und sehr von wechselhafter Leistungsfähigkeit. Der Ertrag von Schönwald war wohl nicht sehr groß.
Die Frankfurter Zeitung hat 200 M bezahlt - recht anständig.
Alles bricht sich jetzt die Knochen: Frl. Rauhut, Willy Böhms Frau, die Geppert, Frau Richter - eine brüchige Zeit.
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Dienstag habe ich mich mit Petersen zu Spaziergang verabredet. Sonnabend will ich mir - trotz allem - mit Susanne ½ Tag Freienwalde gönnen. Freitag ist Statutenberatung. Ich will jetzt noch Hegel weitertreiben und dann die Vorträge für Athen (Frl. Silber?) diktieren. Der dtsch. ev. Geistliche dort (mein früherer Hörer) hat mich zum 2. Mal eingeladen.
Der Fall des Bruders der Paula Seitz erweckt sehr meine Teilnahme.
Ich erwarte jetzt gleich den guten Rodiek und muß mal zunächst abbrechen.
Ich packe jetzt all den Kram zusammen u. füge nur noch die innigsten Grüße hinzu.
Dein
Eduard

Bitte auch den Vorstand zu grüßen!
[li. Rand S. 1] <von fremder Hand> New Education Fellowship. Nizza. 29 Juli - 12. Aug. 32