Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Oktober 1931 (Athen)


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Athen, den 11. Oktober 1931.
Mein innig Geliebtes!
Es stellt sich heraus, daß ich hier ein Gefangener sein werde und daß meine Reise einmal wieder so "offiziell sein wird, daß ich nur dann etwas zu sehen bekomme, wenn ich alles mitmache, was man mit mir machen und von mir haben will. Deshalb bitte ich Dich, nicht in Sorge zu sein, wenn Nachrichten künftig spärlich eingehen. Ich brauche eben auch hier die ganze Kraft. Heut Sonntag Abend habe ich noch einmal frei und will Dir eingehend schreiben.
Der letzte halbe Tag in Venedig litt sehr unter meiner plötzlichen starken Erkältung. Ich sah nur noch die Akademie (Gemäldesammlung Renaissance und Barock) und noch einmal die Markuskirche. Auf das Lido mußte ich verzichten. Immerhin habe ich ein großes und starkes Bild von Venedig.
Um 3 Uhr fuhr ich mit der Gondel nach dem Helonan. Mit Sonnenuntergang fuhren wir ab durch die Lagunen. Das
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| offene Meer war ganz ruhig. Bis gegen ½ 10 konnte man (trotz Erkältung!) auf den Verdecks sitzen. Es gab auch ein minderwertiges Kino im Freien. Bei Tisch saß ich mit dem Maschinendirektor des Schiffes zusammen, der sich freundlich bemühte, mit mir deutsch zu sprechen. Trotz Bemühung u. des Preises von 245 M war meine Kabine I. mit 2 Betten. Der englisch redende Kumpan störte mich in der 1. Nacht wenig. Als ich um ¾ 7 aufstand, sah man die Ostküste Italiens. Einmal kamen wir nah heran u. hatten ein schönes Bild: die befestigte Stadt Garganto am sog. Sporn. Gegen 4 fuhren wir in Brindisi ein. Dort ist nicht viel zu sehen: ich ging ein paar Minuten an Land und besichtigte eine antike Säule, eine Gedenktafel für Virgil von 1930 und eine "richtige" Palme - die erste. Bei der Ausfahrt erhob sich ein stärkerer Wind. Die Nacht wurde wieder ruhig u. sternenklar. Mein Kumpan ließ die Luken auf. Es war in der Tat glühend warm in der Kabine, aber auf mein Bett traf der frische Ost, der zu wehen begonnen hatte. Als ich aufwachte, sah ich durch die Luke in Fahrtrichtung links
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| die ersten braunen Berge von Griechenland in der Morgensonne (die Sonne geht dort - 1 Stunde früher auf.) Leider waren wir bei Nacht an Korfu u. Ithaka vorbeigefahren. Wir waren schon im Golf von Korinth. Auf beiden Seiten Berge wohl bis zu 1500 m. Nach 3 Stunden wirkte die Landschaft monoton, unfruchtbar. Sie erinnert am meisten an die dünn bewachsenen Jenaer Berge. Aber alles braun, wie es Preller gemalt hat. Beim Mittagessen waren wir am Kanal von Korinth - einem tiefen Graben von fast 1 Meile Länge, den wir im Schneckentempo von einem kleinen Dampferchen gezogen passierten. Hoch oben war eine Eisenbahnbrücke. Sogleich nach der Ausfahrt wurde das Meer bei frischem Wind noch blauer, man sah Salamis u. Ägina. Aber der Boden am Ufer selbst zeigte nur völlig versengte Pflanzen. Der Boden des Grunewalds ist dagegen ein fruchtbares Land. So auch Salamis: steinig, kahl. Sobald wir rechts um Salamis herum waren, erschien der Piräus, dahinter ganz deutlich Athen u. die Akropolis. Pünktlich nach 48 Stunden Fahrt legten wir an. Am Ufer entdeckte ich bald Frau u. Herrn Imbriotis,
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| den deutschen Pfarrer, Herrn Paleologos, Prof. Louvaris (m. alten Freund) und schließlich auch Stavros Emmanuel (früher Leipzig) Beim Aussteigen entstand eine furchtbare Desorganisation, deren ich ohne die 5 Mann Helfer nicht Herr geworden wäre. Der Pfarrer brachte mich an s. Auto (es herrschte übrigens Autostreik, also auch dies ein Glück!) Er fuhr mich u. Frau Imbriotis eine allmählich schöner werdende Straße nach Athen. Die Akropolis lag nun wirklich in klarer Abendluft vor mir, und überall am Wege Ruinen von Tempeln, Toren, Säulenreste u. s. w. Mit Hilfe von Frau Imbriotis, die sehr lieb nach Dir fragte, bekam ich im Hotel Grande Bretagne ein höchst sauberes, ja behagliches Zimmer mit freiem Blick auf die Akropolis für den immerhin billigen Preis von ca 10 M pro Tag (1. internationales Hotel) Es gelang mir dann, Herrn u. Frau I. zum Abendessen in m. Hotel zu bewirten. Zum 1. Mal trank ich rezinierten Wein, der mir sehr gut schmeckt, weil er bitter ist. Gegen 11 gingen wir in einen schönen Park u. tranken im Freien 1 Tasse türkischen
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| Kaffee. Um ½ 1 kam ich ins Bett. Nach einem Tag, der durch unendliches Sehen und Sonnenbrand sehr anstrengend gewesen war.
Heut bin ich erst um ½ 9 aufgestanden. Um ½ 10 holten mich Hr. u. Fr. I. ab und fuhren mich u. a. zu den Ruinen des Zeustempels und dann des wundervollen Bachustempels, wo ich übrigens auf dem Sitz eines Archonten photographiert wurde. Kurz nach 11 war ich im ev. Pfarrhaus. Ich hörte den Schluß der Predigt und sollte eigentlich zu Mittag bleiben. Aber da erschien Paleologos u. verlangte dringend, daß ich in das Haus seines Schwiegervaters käme, des Weinhändlers aus Santorin. Eine mehr als 12 köpfige Familie hatte sich versammelt, um das Wunder zu bestaunen. Lauter echte Griechinnen, mit rosa gemalten Fingernägeln. Schweres Essen, schwerer Wein, vor dem sie selbst warnten. Aber es ging alles gut. Zum Schluß wurde ich auf dem Dach photographiert.
Um ½ 4 kam Pfarrer Kindermann, übrigens ein Sohn Deines Kindermann, also geboren Rohrbacherstr. 24, der sich teilnehmend erkundigte, ob Du noch lebtest - Du müßtest doch schon sehr alt sein. Dieser liebe u. gute Kindermann also kam mit s. Auto, in dem
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| seine Gattin u. s. Gemeindeschwester (hochadlig) Platz genommen hatten. Sie fuhren mich quer durch ganz Athen und ein interessantes Dorf auf einem Berg, der Parnés heißt (aber nicht der Parnaß ist) Als wir auf mehr als 1000 m Höhe ausstiegen, um ganz Attika, das bißchen Attika (= Größe Berlins) mit den Meeresbuchten vor uns zu sehen, war es scharf kalt. Wir fuhren noch ein Stückchen höher u. kehrten in einer Gebirgsschenke ein. Was man dort traf, sprach deutsch u. war deutsch. Wieder gab es geharzten Wein. In der Abenddämmerung Rückfahrt zur Stadt. Um 7 Trennung. Nun schreibe ich Dir - nicht nur, weil man hier vor ½ 9 kein Abendessen bekommt. Die Sache wird von morgen an ernst: 3 Vorträge, der 1. offiziell in der Universität (Frau Imbriotis hat 1 Woche Urlaub für mich!), ferner 1 für die Deutsche Gemeinde. Besuch beim Gesandten (der natürlich auch Empfang gibt), bei 2 griechischen Ministern, beim Schuldirektor, beim archäologischen Institutsdirektor Caro. Alle Direktoren der staatl. Museen sollen mich selbst führen. Jeder plant einen Ausflug. Was wird daraus werden? Was wird aus mir werden? Ich breche ab, um Dir nur noch zu sagen, daß ich hier wie in aller Welt <re. Rand> an Dich denke u. Dich grüße
stets Dein Eduard
[li. Rand]
Adresse nicht Hotel, sondern Kindermann,     Sinastr. 66.
ὁδὸς Σίνα 66.