Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Oktober 1931 (Athen)


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Athen, 21.X.31.
Mein innig Geliebtes!
Wo viel Licht ist, da ist viel Schatten. Ich gehe hier im gesellschaftlichen Leben unter. Meine Vorträge wurden, ganz wider Erwarten, das Hauptereignis des Aufenthaltes. Sie allein, mit der Besprechung der Übersetzungen und des Technischen, nehmen die beste Zeit in Anspruch. Dazu kommen zahllose Besuche: beim Metropoliten, beim Minister, beim Gesandten, bei den Parteiführern, [über der Zeile] beim Rektor der Universität, bei Kollegen und Freunden, samt Gegenbesuchen und offiziellen Deputationen. 3 Vorträge für die Griechen, einer für die deutsche Kolonie, ein Abend im Smoking beim Pfarrer (das ewige Umkleiden), ein Riesenempfang von ½ 9 bis ¾ 1 beim Gesandten (Heidelberger: Eisenlohr!!) - Das alles z. T. bei Hitze und bei Darmstörungen. Es war ein bißchen viel. Denn "zwischendurch" sollte ich doch auch noch etwas sehen. Dafür sorgten Louvaris u. die beiden Imbriotis - fast
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| hätte ich gesagt: schonungslos. Nun muß ich aber, da der direkte Zug nur 3 mal geht, schon Dienstag Mittag fort. Infolgedessen sind die nächsten Tage bis an den Rand besetzt, ohne daß ich die schönsten Ziele erreiche. Morgen um 7 fahre ich mit Paleologos nach Korinth, Rückkehr 8.20. Dann noch Geselligkeit. (Vor ½ 9 gibt es hier einfach nichts zu essen.) Freitag Sunion (am Meer) mit den netten Kindermanns, - Sonnabend-Sonntag hoffentlich Delphi und Montag zahllose Reste, mit Ehrenempfängen. Der Fluch des Ruhmes. Denn man feiert mich hier sehr und sagt mir viel Liebes. Natürlich nur die Deutschfreunde, die aber durch mich (hoffentlich) einen starken Auftrieb erhalten.
Ich kann natürlich garkeine Schilderung geben. Der offizielle Höhepunkt war der 1. Vortrag in der Universität, die ich mit einer mühsam gelernten neugriechischen Ansprache begann. Gerade das eroberte die Herzen. Der Minister war bei 2 Vorträgen dabei (er ist übrigens kein Deutschenfreund.) Der Gesandte mit seiner sehr angenehmen Frau
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| war nur beim ersten und dem für die Deutsche Gesellschaft, der um - 10 Uhr abends begann.
Für die Akropolis findet man keine Worte. Das ist ein heiliger Augenblick. Aber man müßte jeden Tag hin. Nun denke Dir: Nationalmuseum (2 Stunden), Volkskunstmuseum (2mal), Kaisariani (Klosterruine im Hymettos), Kephisia (das Potsdam), alle Ruinenfelder und Schönheiten der Stadt samt verborgenen Kneipen nach Landesart, der romantische Berg Lykabettos (277 m) mitten in der Stadt, eine griechische Messe. Heut an der Bucht v. Eleusis (leider nicht Eleusis) und das wunderbare Daphni in unvergeßlicher Abendstimmung. Aber alles immer gleich mit gesellschaftlichen Höflichkeiten umrahmt, so daß man nicht zu Atem kommt. Bezahlen darf man für sich nichts. Louvaris bringt mich mit feinen Menschen zusammen. Bei einem ehemaligen Ministerpräsidenten fand ich alle meine Bücher. In Summa: ich bin für Deutschland hier und darf nicht murren. Gestern, der letzte Vortrag, war inhaltlich ein Wunderwerk, aber
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| doch schon ein wenig matt. Dafür gab Frau Imbriotis ihr Bestes. In mein Hôtel lade ich so oft ein, wie es geht. Nachts wird es spät und morgens beginnt es früh.
Ich werde kaum noch schreiben können. Nimm vorlieb. Mitteilen will ich nur, daß die Klage der Linnert kostenpflichtig abgewiesen ist. Nun kommen 2 ¾ Tage Eisenbahnfahrt. Vielleicht bleibe ich 1 Tag in Dresden, um nicht zu erschöpft in Berlin zu landen.
Ich danke für Deinen lieben Brief. So kann ich nicht mit den Nationalsozialisten gehen (darüber habe ich hier für die Deutschen gesprochen.) Gewiß, der Enthusiasmus ist eine Kraft. Aber man muß sehen, wohin man geht. Der Gesandte lobte meine improvisierte Dankrede auf den Hymnus, den ein (mir sachlich absolut Fernstehender) griechischer Fachkollege beim Empfang freundlich hielt: In politicis darf man keine Töpfe zerschlagen - es sei denn, daß man die Macht hat oder einen Bismarck hat. Hoffentlich haben meine Bemühungen hier ein wenig genützt. Denn die Parteien sind hier scharf <li. Rand> geteilt. Grüße den Vorstand. Innigst Dein Eduard.