Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. November 1931 (Berlin)


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1.XI.31.
Mein innig Geliebtes!
Nur 2 Worte zum Geleit. Ich habe Deinen letzten Brief in Athen leider nicht mehr erhalten, wohl aber den mit dem gut gelungenen Bild von der Martinskapelle und den anderen, der mich hier empfing. Es ist mir sehr recht, wenn Du 1 Bild an Frl. Engel schickst. Für alles herzlichen Dank! Der fehlende Brief kommt sicher hierher nach.
Die letzten Tage in Athen kann ich nur in Überschriften schildern. Denn jetzt bricht es fürchterlich über mich herein - die Strafe.
Am letzten Donnerstag war ich mit Paleologos in Korinth - mit Pferd hinauf nach Akrokorinth (großartige Ruinenwüste, 570 m), mit Esel herunter. Abends noch Freunde im Hotel. Freitag früh Besuch beim feingebildeten Erzbischof v. Trapezunt, dann mit Kindermanns in ihrem Auto nach Sunion.
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| Herrliche Tempelruine am tiefblauen Meer. Abends noch einmal im Auto mit Louvaris Mondscheinfahrt durch Attika in der Richtung auf Dekeleia. Sonnabend früh Besuch 2er griechischer Schulen. Mittags entschied sich, daß Delphi nicht zu machen sei. Stattdessen um 7 im Piräus aufs Schiff. Nacht in Wanzenkabine Bei Sonnenaufgang auf Insel Tinos (Temnos.) Fahrt weiter nach Delos mißglückt infolge mangelnder Aktivität. (Louvaris verträgt den Scirocco auch nicht.) Ziemlich fauler Tag. Abends Rückfahrt, Aufenthalt von 3 Stunden im schönen Syra auf Syros. Wanzenkabine. Früh um 5 saß ich im Piraeus auf Deck und erwartete den Sonnenaufgang. Also 2 Nächte ohne Schlaf. Trotzdem Montag früh aktiv: Abschied von der Frau Gesandten und von ihm, der mich einlud, im Frühling als Privatgast wiederzukehren. Er war mit dem Erfolg meiner Tätigkeit sehr zufrieden u. zeigte mir Zeitungsbericht, wonach der griech. Minister mich in Programmrede erwähnt hatte. Montag Abend bei Imbriotis.
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| Geplanter Mondscheinbesuch auf Akropolis fiel aus, was mir meiner Erschöpfung wegen lieb war. Dienstag Packen, Abschiedsbesuch beim griech. Minister, 12 Uhr Frühstück, meinen 8 Freunden im Hotel gegeben, dazwischen noch Interview u. Telephon. Bahnhof knapp erreicht. Große Eskorte, auch Caro vom Archäologischen Institut und Architekt Zachos. Um 1.50 ging der Zug. Die 60 Stunden Fahrt höchst angenehm; nur Grenzschwierigkeiten wegen Geldausfuhr. Ich habe furchtbar defraudieren müssen.
Hier in Berlin angekommen, finde ich die für mich typische Situation: Brosius hat eine Augenkrankheit u. Frau Rohde ist wegen Nerven auf Verkalkungsgrundlage bei Kurzrock in Behandlung. Sie wird im Winter 1 Monat fortgehen müssen. Noch schlimmer sind (moralisch) die Verhältnisse, die ich erst aus Deiner Zeitung kennen gelernt habe. Gestern sprach ich einen Ministerialrat. Die meisten würfen gern die Sache hin.
Die Arbeit ist ungeheuer, weil außer der Hegelrede, die ja noch ganz unbegonnen ist,
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| alle freien Nachmittag mit Prüfungen besetzt sind. Deshalb heißt es alle Kräfte anspannen. Ich wollte Dir nur diesen Telegrammbrief senden. Frl. Silber habe ich gegrüßt.
Tausend gute Wünsche u. innige Grüße
Dein
Eduard.