Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./15. November 1931 (Berlin)


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14.XI.31.
Mein innig Geliebtes!
Wenn man nach Berlin zurückkommt, so muß man erfahren, daß alles wieder Kampf wird, vor allem der Kampf um das bißchen Konzentration, das man doch als eigentliche Berufsleistung aufzubringen hat. Das wird immer schwerer; nur haben diejenigen nicht recht, die da sagen, deshalb habe das konzentrierte, gesammelte, das tiefe Leben deshalb seinen Sinn verloren.
Ich darf insofern zufrieden sein, als die merklichen funktionellen Störungen, die ich mir durch die Überarbeitung um Weihnachten zugezogen hatte, jetzt endlich behoben sind. Aber ist dieser Erfolg zu bewahren? Der Sturm ist, weiß Gott, so kräftig wie je.
Ich habe die Post von 4 Wochen notdürftig
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| erledigt. Ich habe das Semester tatkräftig begonnen. Die Vorlesung mußte ich von der Dorotheenstr., mit 500 Plätzen, wieder in die neue Aula verlegen. Die Emporen sind freilich nur ganz schwach besetzt. Aber an dem Auditorium ist auffällig die absolut disziplinierte Art, die willige Bereitschaft. Niemand kommt zu spät (!) Und ich glaube auch, mein sehr schweres Thema (Kulturphilosophie) in den bisherigen 6 Stunden sehr ordentlich behandelt zu haben. Der Andrang zu den Übungen war geringer: nur 120 Meldungen. Aber auch das läßt sich gut an.
Neben all diesem Trubel mußte ich nun meinen Anteil an der Hegelfeier machen: 20 Minuten Höchstzeit vorgeschrieben (schon wegen Rundfunk!) Jeder Vernünftige muß sagen, daß das mit Bezug auf Hegel eine absolut unlösbare Aufgabe war. Ich darf glauben, mich auf anständige Art heut damit abgefunden zu haben. Technisch gelang es mir sehr gut. Der Jurist Kaufmann als 2. Zwanzigminutenredner bewies mir,
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| daß er Hegel mit beginnendem Verständnis gelesen hat. Der Theologe Seeberg (Vater) wirkte durch seine innerlich warme Art sehr tief. Ich fand wieder bestätigt, daß der Greis (72 Jahre) der Jugend näher steht als der Mann. Denn dem Mann wird zuerst klar, daß schon eine Generation nach ihm da ist und er kann mit dieser Auseinandersetzung in der Regel noch nicht fertig sein, am wenigsten heut. Aber - gottlob - ich bin nicht außerhalb der Bewegung.
Die neueste Einstellung der Jugend scheint leider die verhängnisvolle Richtung zu nehmen: das System muß sich selbst vernichten.
Unter den kleinen Dingen des Tages spielt immer noch die Linnert eine Rolle. Ich habe erst nachträglich begriffen, daß ihre erste Klage gegen mich (Beleidungs-, also Strafprozeß) kostenpflichtig abgewiesen ist. Sie hat nun sofort einen Zivilprozeß wegen Unterlassung (der bekannten Behauptungen) folgen lassen. Adalbert hat mich im 1. Termin vertreten. Es scheint ihm Freude gemacht zu haben. Heute schreibt
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| nun die L. durch den sie behandelnden Nervenarzt Künkel, daß sie alle Segel streiche. Wie viel unnötig Unruhe und unnötiger Zeitverlust!
Heut Nachmittag war Glondys aus Kronstadt bei mir. Immer und überall kommt das Gespräch auf die Idealismusfrage. Wir leben doch wieder weltanschaulich. Barth und Gogarten betragen sich dabei recht schlecht, d. h. hochmütig. Sie sind eben noch mehr als Hegel-Gott selbst. Dabei drücken sie sich um alle eigentlich brennenden Lebensfragen. Sie sind die eigentlichen Miesmacher der kulturellen Welt und können deshalb keine Bestand haben.
Herr Strasen ist herzkrank, Frau Strasen ist elend, Frau Rohde betrachtet sich als verkalkt. Ich muß also, wenn ich Besuch haben will (und das ist jetzt, wo ein Essen mehr bedeutet als je) Hilfe suchen. Klara Rauhut liegt noch immer. Das ist ein Heroismus.
Ich denke daran, die Hypothek von m. Hause abzulösen. Es ist besser, als daß mein Geld sich auf der Bank
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| verflüchtigt. Die ca. 600 Drachmen z. B. sind in Berlin einfach nicht loszuwerden. Von Athen hat mir nur der Kindermann bisher geschrieben, aber sehr lieb. Meine Geschenke, die mit dem Kurier der Gesandtschaft gegangen sind, sind auch eingetroffen. Montag werde ich über m. Eindrücke im Auswärtigen Amt berichten. Aber Du siehst an m. Handschrift, daß es nicht mehr geht, obwohl es erst 10 Uhr ist. Deshalb breche ich für heute ab.

15.XI.
Es ist heut nicht einmal Zeit zum Durchlesen .... Gott behüte mich vor den Sonntagen, von den Wochentagen will ich .....
Herzlichste Grüße
Dein
Eduard.