Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Dezember 1931 (Berlin)


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12.12.31.
Mein innig Geliebtes!
Vor einer halben Stunde kam Dein lieber Brief. Es ist hier wie bei Euch: man lebt im Gefühl eines Unheimlichen, und die Not wächst allenthalben auf bedrohliche Weise. Die Notverordnung macht ganze Arbeit - aber wohl zu spät. Das Letzte wird herausgepreßt; eben deshalb bleibt nicht mehr genug für den Aufbau.
Gestern ging ich zu einem Herrenessen bei Kroll, an dem ca 700 Männer des öffentlichen Lebens teilnahmen. Ich sah viele alte Bekannte - aber meine Hoffnung, daß auch Hindenburg käme (wie voriges Jahr) erfüllte sich nicht. Er hatte in der letzten Stunde wegen Unpäßlichkeit und Ermüdung nach den großen Aufregungen abgesagt. Mein Nachbar war ein liebenswürdiger Bankdirektor. rechts von mir blieben 2 Plätze frei. Den
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| Nachbar rechts, einen ernsten Mann, konnte ich nicht erreichen. Es fiel mir auf, daß er sich nach Aufhebung der Tafel noch einmal in herzlichem (leider unverständlichen) Ton vorstellte. Erst heute ist mir bewußt geworden, daß es Hans Grimm war. - So geht man unerkannt aneinander vorbei. Nur mit Wolfgang Götz konnte ich ein paar wärmere Worte wechseln.
Es ist auch heut nicht Zeit, über Einzelnes zu schreiben. Die Hoffnung des Wiedersehens erleichtert den Verzicht. Aber gerade darüber möchte ich heut noch etwas hinzufügen. Jeder muß sparen. Wir könnten am Fahrgeld sparen¹) [Fuß] ¹) ca 60 M., wenn wir auf Oberbayern verzichteten und uns in der Mitte träfen. Da habe ich an Stecker - Wilhelmshöhe gedacht. Das Haus ist zwar wahrscheinlich teurer als die "Post" oder Witting. Aber wir könnten Pension nehmen. Am 29. früh würden wir abreisen. Am 6.I. müßte ich zur Vorstandssitzung des Deutschen
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| Hochschulverbandes nach Würzburg. Wie denkst Du über den - natürlich noch hypothetischen - Plan? Er ist leider auch deshalb hypothetisch, weil der kürzlich eingetroffene diktierte Brief von Kerschensteiner wieder ungünstige Nachrichten enthielt. Sollte eine Reise nach München notwendig werden, dann wäre natürlich Oberbayern zweckmäßiger. Am 23.I. muß ich übrigens schon wieder nach Wilhelmshöhe.
Bei mir ist im Augenblick Gottlob noch keine Knappheit. Aber es ist abenteuerlich, was an Steuern zu zahlen ist (jetzt wieder 450 M Bürgersteuer!), und natürlich gebe ich nach allen Seiten, was ich kann. (Ich werde auch Hermine wieder 20 M schicken.) Schon jetzt habe ich festgestellt, daß ich 1931 mindestens 16.000 M weniger eingenommen habe als 1930. Da aber die Steuern nach dem alten Satz zu zahlen sind, müssen an jedem Steuertermin große Summen locker gemacht werden.
Frau Dieterich ist wohl mit Usener dem Schwager Diltheys verwandt? Heinrich
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| Scholz
(leider wieder magenleidend) hofft Vater zu werden. Hans Heyse ist zum Professor ernannt worden.
Die Linnert hat auch den 2. Prozeß verloren. Mein "Rechtsanwalt" war tüchtig. Donnerstag war ich kurz mit Erika zusammen.
Ich schreibe jetzt erst wieder zu Weihnachten. Sei bis dahin innig gegrüßt von
Deinem
Eduard.