Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. März 1931 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 6. März 31.
Mein Liebstes;
Wie ist es Dir in dieser ersten semesterfreien Woche ergangen? Heute, am 6. ist ja der interessante Tee bei Frau Minister! – Wie man bei uns mit den Ministern umgeht, ersiehst Du aus der Drucksache. Sie erregt hier viel Vergnügen!
Sonst aber habe ich nur von Patienten zu berichten. Lena ist mit wechselndem Befinden im Krankenhaus und der Vorstand liegt zu Hause im Bett. Sie hatte am Mittwoch, nachdem sie sich schon einige Tage weniger wohl fühlte, einen schauderhaften Anfall von Darmkolik mit Erbrechen – in gemessenen Abständen bis nachts um 3 Uhr. Gestern hatte sie noch 39° Fieber – aber heut ist sie wieder leidlich normal und die Nacht war gut. So hoffen wir, wird sie sich auch heute wieder ein Stück gesünder schlafen und ich bin auch nicht böse, wenn ich ungestört
[2]
| bleibe, denn ich kann nichts so schwer entbehren wie den Schlaf.
So gehen meine Tage mit Suppe kochen, Tee aufgießen, etc. dahin u. ich habe von mir garnichts zu berichten. Da wandern meine Gedanken in die Zukunft und ich freue mich auf das Wiedersehen mit Dir, und auf die Tagung, deren Programm ich heute erhielt. Es ist nur gut, daß die Attacke jetzt kam und daß sie, wie es scheint, nicht nachhaltig ist, sodaß ich hoffentlich meine Bewegungsfreiheit habe, wenn Du den Termin bestimmst, wo wir uns treffen werden.
Ein paarmal habe ich sehr hübsch von Dir geträumt. Hoffentlich hast Du nichts dagegen einzuwenden – mir ist es immer ein wenig, wie ein persönlicher Gruß. Ich muß mich ja in der Richtung jetzt etwas mit solchen Surrogaten behelfen!
[3]
|
Da ist nun diese Woche unsere Hitlerlektüre unterbrochen und ich muß sagen, das letzte Lesen mit seinen außenpolitischen Ideen hat mir sehr wenig eingeleuchtet. Hinterher kann man gut sagen: wenn man es so und so gemacht hätte, würden sich die Dinge günstig entwickelt haben. Man kann solche Entwicklung ja garnicht prophezeien, denn die einzelnen Faktoren sind nur im Augenblick der Entwicklung zu übersehen, nicht aus Berechnung nach erdachten Kombinationen. – Ich wüßte gern, was Du von der Taktik der Rechtsparteien hältst. Ich kann mir nicht denken, daß sie damit Vorteile erzielen. Aber wenigstens bleiben uns die Prügelszenen im Reichstag so erspart. Warum aber kann sich das Zentrum nicht mit den Nationalen
[4]
| verständigen? Die Kirchenfeindlichkeit geht doch von den geliebten Sozialdemokraten ebenso gut aus, wie von den Kommunisten, die jetzt so kräftig angefaucht werden. – Auch sonst ist es keine Freude, in der Zeitung zu lesen und alle persönliche Ablenkung ist zur Zeit vereitelt. So ist es ein recht trauriger Brief, den Du heute erhältst und ich hoffe auf Deine Geduld, mein Liebstes.
Ich denke Deiner mit vielen guten Wünschen und warte mit Ungeduld auf die Zeit, wo Du mir wieder von Dir erzählen wirst. Möchtest Du trotz der Kälte Dich wohl fühlen und Arbeit haben, die Dich befriedigt.
Vom Vorstand soll ich herzlich grüßen, und ich selbst schicke Dir innige Grüße.
Immer
Deine
Käthe.